Zu gut

DAS MÄDCHEN soll eingeschult werden.
Doch die Schule sieht Unterstützungsbedarf. Sie möchte eine sonderpädagogische Überprüfung veranlassen.
Die Eltern sind nicht glücklich, aber willigen ein.
Der Kindergarten soll nun einen Bericht über das Mädchen schreiben.
Den Bericht bekommt die Schule, um ihn ans Schulamt weiterzuschicken.
Doch kurz nachdem die Schule den Bericht erhalten hat, ruft der Schulleiter im Kindergarten an:
„Der Bericht ist viel zu gut! Damit bekommen wir niemals sonderpädagogische Unterstützung! Sie müssen alles Positive rauslassen und sich nur auf die Probleme konzentrieren!“

Die Geschichte vorgelesen …

11 Kommentare

  1. VVerkopft sagt:

    Schwierige Sache.

    Für Eltern (und indirekt auch die Kinder) kann es zerstörerisch sein, diese defizitorientierte Sicht immer und immer wieder einnehmen zu müssen bzw. um die Ohren gewatscht zu kriegen. Eltern und Lehrer dürfen niemals vor lauter Defizit-Blick die Stärken und Potentiale der Kinder übersehen, und dass der Kindergarten hier diesen differenzierten Blick hat, ist schön.

    Die Entscheider über Hilfsangebote muss man leider mit der Nase auf die Defizite hinweisen, sonst gibt es keine Hilfen, sondern nur Versuche, Aufwand und Kosten zu sparen. Auf dem Rücken des Kindes, bei dem der Hilfebedarf vermutlich trotz all der Stärken und Potentiale da ist.

    Und gleichzeitig kann das Überbetonen von Problemen auch nach hinten los gehen. So geschehen bei uns. Für einen Termin einer Unterrichtsbeobachtung hatte die Lehrerin extra eine Unterrichtsform gewählt, die für unser autistisches Kind besonders problematisch war. Entsprechend hat es sich benommen. Und wir haben dann anschließend statt der beantragten Schulbegleitung eine Verringerung der Stundenzahl sowie den Rat bekommen, mit dem Kind erst einmal stationär zu gehen, damit das Kind “basale Fähigkeiten” lernen könne, um überhaupt schulfähig zu sein.

    Ich wünschte, Kinder in Deutschland (und weltweit) würden bekommen können, was sie brauchen, ohne dass man diese Entwürdigungen über sich ergehen lassen muss!

    • Anonymous sagt:

      Inklusion bedeutet, dass Kinder mit erhöhtem Forderbedarf in Schulen so akzeptiert werden sollen, wie sie sind.
      Inklusion beinhaltet auch, dass Eltern und deren Kinder nicht mehr Gasi geschickt werden von einem Therapeuten zum anderen. Inklusion in Schulen bedeutet, dass die Therapien in der Schule stattfinden sollen, wo Therapeuten, Sonderpädagogen, Schulbegleiter und Fachlehrer sich austauschen um dem Kind zu helfen und das an einem Ort.
      Wenn Eltern und deren Kinder die Nachmittage nach dem Unterricht den Weg zu Therapiezentren noch auf sich nehmen müssen, wann bleibt es noch Zeit übrig damit die Kinder Sozialkontakte pflegen können, sei es mit Freunde oder Familie?
      Ich habe es nach langen Kampf geschafft bei meinem Kind in seiner Schulzeit Inklusion zu erleben.
      Es ist immer wieder traurig zu hören und zu lesen welche Hürden die Eltern auf sich nehmen müssen.

  2. Anonymous sagt:

    Viele Kinder mit erhöhtem Forderbedarf werden in Deutschland ohne sonderpadagogischem Gutachten beschult.
    Es ist Pflicht von Sonderpadagogen solche Gutachten(15 Seiten ungefähr) zu erstellen.
    In meinen grossen Freundeskreis hatte nur eine Freundin von mir solch ein Gutachten für ihr Kind erhalten. Bei meinem Kind war das lediglich eine halbe Seite.Damals war ich naiv und wusste es nicht.
    Diese Gutachten müssen auch nach der vierten Klasse erstellt werden und wenn die Kinder die Schulen verlassen.
    Sonderpadagogen müssten noch Berichte an Schulämter Jahr für Jahr erstellen. Kindergärten ebenso.
    Ich habe mich des Öfteren gefragt wie die Schulen diesen Bedarf gegenüber den Schulbehörden rechtfertigen.
    Es auf den Punkt zu bringen: DEN MEISTEN KINDER MIT ERHÖHTEM FÖRDERBEDARF, WIRD DIESER FÖRDERBEDARF PER MUNDPROPAGANDA gerechtfertigt! Also, jmd behauptet das mit einem Kind was nicht in Ordnung sei, und das wird dann durch die Eltern und Schulen in ein Gespräch weitergeleitet. BlA.. Bla… Bla… Bla. Die Eltern haben nichts handfestes in der Hand…

  3. Nele sagt:

    Verstehe ich die Geschichte richtig, die Eltern sehen gar keinen Unterstützungsbedarf? War das Mädchen bisher ein Kita-Kind ohne Hilfe? Wie kommt die Schule dann darauf, Unterstützung fürs Kind anzufordern? Wie halten es die Eltern, wenn es um Pflegestufe und Hilfsmittel geht? Schildern sie da vorrangig alles, was das Kind gut kann oder beziehen sie sich auf das, wo Hilfe gebraucht wird?

    • kipa sagt:

      @ Nele: Das ist ja gerade die paradoxe Welt, in der behinderte Menschen hierzulande leben müssen: Auf der einen Seite sind „Defizite“ und Unzulänglichkeiten nicht erwünscht, so im Leistungsbereich von Schule, Ausbildung und Beruf, dort herrscht das Prinzip des Aussortierens und der Aussonderung. Auf der anderen Seite wird der hilfebedürftige und/oder behinderte Mensch gezwungen, sich möglichst schlecht darzustellen, um die einfachsten notwendigen Hilfsmittel zu erlangen.

  4. Anonymous sagt:

    Und was tut die Schule? Die Schule, kann doch selber das Kind testen! Aber, es ist ja wie immer. Der Andere soll die Verantwortung übernehmen. Und so werden die Eltern ins Ungewisse gehalten. In vielen Sonderschulen geht es ähnlich zu.
    Vielen Eltern wird über Jahren suggeriert, dass das Kind entwicklungsverzögert ist, obwohl ein Kind ab dem dritten Lebensjahr mit einer Entwicklungsstörung diagnostiziert werden soll.
    Viele Pädagogen, insbesondere Sonderpädagogen, wollen sich auf eine Diagnose nicht festlegen, weil sie dann Fortbildungen besuchen müssen um das Kind gezielt auf seine Behinderung zu fördern. Und so sind in vielen Schulen in Deutschland die meisten Pädagogen nicht qualifiziert. Die Schulen finden dann Ausreden um die Kinder mit erhötem Förderbedarf nicht aufzunehmen.
    Ich habe selber bei meinem autistischem Kind feststellen müssen, dass Sonderpädagogen einer ganzen Schule nie Fortbildungen besucht haben zum Thema Autismus. Die Schule feierte 50 Jahre. AUTSCH!
    Manche Kinder erhalten eine Diagnose erst mit 10 Jahren, nachdem das Kind zig Kindergärten und Schulen gewechselt hat.
    Es ist ein Teufelskreis, weil viele Eltern nicht ihre Rechte kennen und im Dunkeln jahrelang mit Absicht gehalten werden. Sehr oft werden die Probleme der Kinder , der “falschen” Erziehung der Eltern zugeschoben. Es wird dann im familiären Umfeld gewühlt und gewühlt, bis die Eltern kaum noch Kraft haben. Die Konsequenz davon: Eltern lernen zu schweigen anstatt für ihre Rechte zu kämpfen (weil sie nicht wissen, dass sie Rechte haben)

  5. Anonymous sagt:

    Leider ist es tatsächlich so, dass Schule nur dann Hilfe bekommt, wenn diese Berichte dramatisiert werden.
    Für Schulen ist es unglaublich schwierig, an Hilfe und Unterstützung zu kommen. Auch wenn klar ist, dass dieses notwendig ist, dauert es ewig.
    Ich kann schon nachvollziehen, warum das positive herausgestrichen werden muss. Das hat aus meiner Erfahrung nichts mit der Einstellung der Schule zu tun, sondern mit dem System!

  6. Anonymous sagt:

    Wenn dem dann Folge geleistet wird…. unglaublich.

  7. Anonym sagt:

    Interessensgesteuerte Gutachten über Menschen mit Beeinträchtigung – dieses Thema verfolgt uns im speziellen seit derSchulphase seit nunmehr 11 Jahren über viele Bereiche. Als Sorgeberechtigte bin ich emotional ziemlich am Ende, vertraue eigentlich keinen mehr. Es ist irgendwie alles ziemlich krank und wird auf dem Rücken des MÄDCHENS ausgetragen.

  8. elisa sagt:

    Es ist traurig, dass Schule nur funktioniert, wenn das Kind behinderter gemacht wird als es ist, um gefördert zu werden und essentielle Unterstützung zu bekommen.

  9. kipa sagt:

    Ein Verdacht: Auf dem Rücken des MÄDCHENS sollen alle Probleme der zukünftigen Klasse ausgetragen und – wenn man einen „positiven Ausgang“ wünscht – gelöst werden…. Jedenfalls steht ein SÜNDENBOCK bereits vor der Einschulung fest.

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