Leistungsträger

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine Bekannte.
Die Söhne kennen sich von klein auf.
Der Sohn der Bekannten ist in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
„Und wie läuft es bei euch?“, fragt die Mutter des Jungen.
„Och, ganz gut, mein Sohn ist jetzt im Arbeitsbereich der Werkstatt. Er fühlt sich dort wohl.“
„Aber wolltet ihr nicht, dass er nach dem Berufsbildungsbereich einen Arbeitsplatz außerhalb der Werkstatt bekommt?“
„Ja, eigentlich schon. Man hatte uns ja gesagt: Alles ist offen! Wenn er einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt will, dann suchen die ihm einen. Ich muss mich nicht kümmern. Dafür haben sie Fachleute, Jobcoaches und andere…“
„Ja“, sagt die Mutter des Jungen, „ich erinnere mich. Ich habe damals gedacht: Warum mache ich das eigentlich alles selbst – die Suche nach einem Job, die vielen Praktika, der Kampf um die Fördermöglichkeiten.“
„… aber das war nicht so. Das war alles Quatsch. Nur Gerede“, erzählt die andere Mutter weiter. „Gar nichts haben die gemacht. Am Ende des Berufsbildungsbereichs haben sie gesagt: Der Arbeitsbereich ist genau richtig für ihn. Da ist er jetzt einer der Leistungsträger!“

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Mehr Leben

Die Mutter DES JUNGEN ist bei einer Bekannten eingeladen.
Die Gäste plaudern im Garten. Einige kennt sie, einige nicht.
Sie erzählen sich von ihren Berufen. Auch eine Sonderpädagogin.
„Also an unserer Schule ist es wirklich nicht mehr so schön wie früher!“, sagt diese.
Nur noch die Schwerstbehinderten seien dort. Pflegebedürftig, nicht sprechend allesamt.
„Ich vermisse diese Süßen mit Down-Syndrom so“, seufzt sie, „die haben richtig Leben in die Bude gebracht.“ Und ergänzt etwas säuerlich: „Aber die sind ja jetzt alle in der Inklusion!“
Die Mutter des Jungen sagt erst einmal nichts, sondern hört weiter zu.
„Oder die, die eigentlich gar nichts hatten“, fährt die Lehrerin fort, „also, denen höchstens mal ein Finger fehlte. Mit denen konnte man so toll arbeiten! Die sind auch nicht mehr da.“
„Aber was ist die Lösung?“, fragt die Mutter, „dass die alle wieder zurückkommen?“
„Nein, ich weiß, dass das nicht klappt“, antwortet die Lehrerin, „aber mit der umgekehrten Inklusion könnten wir auch Nichtbehinderte aufnehmen. Und dann wäre bei uns auch wieder mehr Leben!“

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Finden

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine Freundin auf dem Wochenmarkt.
Deren Tochter ist gerade in die 5. Klasse gekommen. In einer „inklusiven Lösung“. Die wurde in den Medien groß vorgestellt.
„Hallo“, sagt die Mutter des Jungen, „du schlenderst auch über den Markt? Du hast ja jetzt auch ein bisschen Zeit, oder? Die Klasse ist auf Klassenfahrt zur Teambildung, habe ich gehört.“
„Das stimmt“, antwortet die andere Mutter, „aber unsere Kinder sind nicht mitgefahren.“
„Was heißt das?“, fragt die Mutter überrascht.
„Na, die Kinder mit Behinderung sind hier geblieben. Die Lehrer der Schule haben sich das noch nicht zugetraut nach so kurzer Zeit, sie mitzunehmen. Und die Sonderpädagogen fanden das auch richtig. Die Kinder mit Behinderung sollten sich erst einmal als Gruppe finden, haben sie gesagt.“
Die Mutter des Jungen ist sprachlos.
„Äh, und wo finden die sich jetzt?“
„Eine Woche an der Sonderschule“, sagt die andere Mutter.

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Falsch ausgedrückt

Die Mutter, die heute in die Elterngruppe kommt, ist verzweifelt: Zwei Runde Tische schon, und ihre Tochter darf immer noch nicht in die Stadtteilschule.
„Sie kann doch ganz normal lernen, nur nicht so gut laufen“, sagt sie, „aber es MUSS, darauf besteht das Schulamt, der Förderbereich körperlich-motorische Entwicklung festgestellt werden. Und dann muss sie in eine Gruppenlösung irgendwo hin. Am Ende der Stadt!“
Während die Mutter weint, sind die anderen Eltern empört. „Alles Quatsch“, sagt ein Vater. Auch die Mutter DES MÄDCHENS schüttelt den Kopf. „Das kommt mir irgendwie bekannt vor…“, sagt sie und bietet an: Zum 3. Runden Tisch kommt sie mit.
Und dort erläutert sie dann: Dass es nicht um sonderpädagogische Förderung geht. Dass man vielleicht beim Sport eine Assistenzkraft braucht. Dass hier keine Gruppenlösung im Schulgesetz vorgeschrieben ist. Dass das Fehlen einer Behindertentoilette gar keine Rolle spielt und das Baurecht schon gar nicht.
„Oh“, sagt die Schulrätin, die den Runden Tisch leitet, „da haben wir uns wohl beim letzten Treffen versehentlich falsch ausgedrückt!“
„Ja, so wie bei dem Fall vor zwei Jahren auch schon“, murmelt die Mutter des Mädchens leise.
Am Ende des Gesprächs ist klar: Das Mädchen wird die Schule im Stadtteil besuchen.

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