Der Flyer

„Individuelle und passgenaue Unterstützung“ – „personenzentrierte Ausrichtung unserer Angebote“ – „Maßnahmen nach individuellen Bedürfnissen der Teilnehmer“ – und: „Partner auf Augenhöhe“.
Die Mutter ist beeindruckt. All das steht in dem Flyer der Berufsförderungseinrichtung. DER JUNGE MANN hat die Bewilligung einer Maßnahme von der Arbeitsagentur erhalten, und diese Einrichtung soll ihn unterstützen, einen Job zu finden.
Die Mutter trifft sich mit der Leiterin zu einem Vorgespräch. Diese fragt als erstes: „Warum eigentlich 1. Arbeitsmarkt? Ihr Sohn gewöhnt sich bestimmt auch gut in einer Werkstatt für Behinderte ein. Wir starten übrigens immer mit allen Teilnehmern für die ersten zwei Monate in einer WfbM. Der Vorteil: Wer nicht fit genug ist, kann dann gleich da bleiben.“
Die Mutter ist irritiert: „Aber diese Maßnahme wurde doch bewilligt, um Alternativen zur WfbM zu finden!“
Aber die Leiterin lässt nicht locker: „Ich habe da einfach einen professionellen Blick drauf. Ihr Sohn kann doch gar nicht auf dem 1. Arbeitsmarkt arbeiten! Ich habe ihn zwar noch nicht kennen gelernt, aber das sehe ich schon aus den Unterlagen. In der Werkstatt ist er unter seinesgleichen. Ich weiß, Eltern fällt es immer schwer, die Behinderung ihrer Kinder zu akzeptieren.“
Und dann lacht sie und fügt hinzu: „Und da lernt er auch passende junge Frauen kennen!“
Die Mutter schüttelt ungläubig den Kopf.
Als sie geht, lässt sie den Flyer auf dem Tisch liegen.

Die Geschichte vorgelesen …

50 Stühle

Die Mutter trifft eine Bekannte.
„Du“, sagt diese, „ich habe DEINE TOCHTER neulich bei der Arbeit gesehen!“
„Ach, das ist ja nett“, sagt die Mutter, „wo denn?“
„Die haben da irgendwelche Stühle für eine Veranstaltung aufgestellt. Aber, so richtig gearbeitet hat sie eigentlich nicht.“
„Warum denn nicht?“, fragt die Mutter überrascht nach.
„Na, ja“, sagt die Bekannte, „sie hat vielleicht gerade mal so 10 Stühle aufgestellt. Und die anderen, die dort auch gearbeitet haben, bestimmt jeder 50!“
Die Mutter stutzt.
Nach einer Weile sagt sie: „Ja, und genau deshalb erhält der Arbeitgeber für sie auch einen sehr hohen Lohnkostenzuschuss. Einfach, weil sie nicht so viel leisten kann, wie die anderen. Aber sie ist dabei und mittendrin und schafft, was sie schafft.“
Da stutzt die Bekannte.
Nach einer Weile sagt sie: „Stimmt. So habe ich das noch gar nicht gesehen.“

Die Geschichte vorgelesen …

Lesen

DAS MÄDCHEN ist gerade in die vierte Klasse gekommen.
Jetzt weigert es sich, zu Hause Leseübungen zu machen.
Es wirft seine Fibel vom Tisch, weint und schluchzt: „Nicht lernen, nicht lesen, ich dumm, so dumm!“
Die Mutter versteht die Welt nicht mehr.
Was ist passiert? Ob andere Kinder das Mädchen vielleicht ausgelacht haben?
Sie bringt das Mädchen am nächsten Tag zur Schule und passt vor dem Lehrerzimmer die neue Lehrerin ab.
„Nein, die anderen Kinder lachen nicht“, beruhigt diese die Mutter, „das hätte ich mitbekommen! Aber ich habe schon, seit ich hier bin, das Gefühl, dass Ihre Tochter mit dem Konzept des sinnentnehmenden Lesens überfordert ist.“
„Was heißt das?“, fragt die Mutter überrascht nach. „Sie mag Bücher, und Lesen auch, auch wenn es ihr noch schwer fällt. Aber sie hat da schon so viel gelernt. In ihrem Tempo natürlich.“
„ Ach, wissen Sie“, antwortet die Lehrerin, „das redet man sich als Elternteil ja gerne ein. Da wird ein ganzes Schülerleben geübt, und am Ende können die jungen Leute doch kein normales Buch oder einen Zeitungsartikel lesen. Ich gehe das anders an. Das habe ich auch diese Woche schon mit ihrer Tochter besprochen: Die Fibel brauchen wir nicht mehr. Wir lesen jetzt Alltagsschilder und Beschriftungen: Toilette, Ausgang, Kasse – solche Sachen eben.“
Und als die Mutter überrascht schweigt, fügt sie hinzu: „Mit der Umgewöhnung tut sich Ihre Tochter eben noch ein bisschen schwer!“

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Paddeln

Die Familie DES JUNGEN geht gerne paddeln, wie immer mit anderen befreundeten Familien.
Der Junge paddelt begeistert. Er paddelt nicht so gut wie Erwachsenen, auch nicht so gut wie die anderen Kinder in seinem Alter. Und schon die kleineren Kinder haben viel schneller als er verstanden, wie man das Paddel drehen muss, damit man nicht zu viel Wasser ins Boot schaufelt.
Auch heute gab es wieder etwas Ärger, als alle, die mit dem Jungen im Boot fuhren, ziemlich nass wurden. Nicht so richtig nass, denn der Junge hatte im Laufe der Zeit doch vieles gelernt. Aber einige Kinder wollten nicht mehr mit ihm im selben Boot fahren. Auch einer der Erwachsenen hatte mit dem Jungen geschimpft. Der wollte am Ende dann gar nicht mehr paddeln und saß mit hängendem Kopf traurig vorne im Boot.
Abends besprechen die Eltern wie immer mit ihm den Tag: Was war schön, was war nicht so schön?
„Ich fand das Paddeln schön“, sagt die Mutter.
Der Junge schaut sie überrascht an: „Echt?“
„Ja, du hast gut gepaddelt, so gut, wie Du kannst. Mehr geht eben nicht. Und mehr kann auch niemand von dir verlangen!“
Der Junge nimmt ihre Hand: „Mama, das hast du so schön gesagt!“

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