Kategorie: Geschichten


Im Prinzip

Blick hinter den Vorang (Collage): Rotes Nixklusionsmännchen schiebt den Vorhand zurück, dahinter steht: WfbM.

2020

DER JUNGE beginnt eine berufsvorbereitende Maßnahme.
Sie soll in eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt münden.
Sie findet an einer Berufsschule statt. Doch die Sonderschule zeichnet für den Lehrplan verantwortlich und stellt auch die Lehrer.
Beim ersten Elternabend wird alles noch einmal genau erklärt.
„Wir arbeiten hier völlig ergebnisoffen“, sagt einer der Lehrer, „wie es hiernach weitergeht, entscheiden Sie und Ihre Kinder allein.“
„Aber es geht schon um Alternativen zur Werkstatt für Behinderte, oder?“, meldet sich ein Vater.
„Ja, natürlich. Im Prinzip“, antwortet der Lehrer, „aber nicht alle werden eine finden.“
Die Eltern des Jungen schauen sich an.
Die Mutter meldet sich. „Genau deshalb sind wir aber hier. Weil wir uns eine Werkstatt für unseren Sohn eben nicht vorstellen können. Und auch er möchte dort nicht hin.“
Die zweite Lehrerin mischt sich ein: „Ja, das sagen viele der jungen Leute. Aber nach einem Praktikum dort, das auch Bestandteil dieses Jahres und der Berufsvorbereitung ist, sehen das viele anders. Und Sie dürfen natürlich nicht vergessen: Im Prinzip ist ein Job auf dem ersten Arbeitsmarkt toll. Aber die Werkstatt ist, was die soziale Sicherung angeht, immer noch unschlagbar!“

Die Geschichte im Prinzip vorgelesen …

Er muss

Die Mutter und DER JUNGE sitzen beim Gespräch in der Schule.
Die Lehrer sind unzufrieden.
Er muss aufmerksamer sein, sagt die Klassenlehrerin.
Er muss sich mehr Mühe geben.
Und er muss lernen, deutlicher zu schreiben.
Und er muss nicht immer gleich beleidigt sein, wenn man ihn kritisiert.
Und der Mathelehrer lässt ausrichten: Er muss mehr üben zu Hause.
Die Mutter und der Junge hören keinen einzigen positiven Satz.
Als die beiden nach Hause gehen, weint die Mutter.
„Weine nicht, Mama“, sagt der Junge, „ich werde das alles versuchen. Für dich. Damit du nicht traurig bist.“
Da dreht sich die Mutter um und weint noch mehr.
Denn sie weiß, dass der Junge all das will, aber nicht kann.

Zwei Nixklusionsmännchen, eins weint. Das andere fasst ihn auf die Schulter.

Die Geschichte vorgelesen …

Fußball

NIxklusionsmännchen, Kopf mit Zirkel, Hütchen und Ball (EM-Ball, Collage)

2016

Er ist in der Fußball-AG angemeldet.
Er spielt schon lange im Dorfverein.
Nun also auch in der Schule.
„Schwierig…“, findet der Sportlehrer und fordert eine Begleitperson.
Also stehen jetzt 7 Kinder, der Sportlehrer und die FSJler in der Halle.
Die Mutter sitzt auf der Tribüne und schaut zu.
Der Sportlehrer erklärt die Übung.
Dann wendet er sich an die FSJlerin: „Und Du kickst mit dem Jungen den Ball hin und her.“
„Ach herrje“, denkt die Mutter.
Der Junge hampelt nur rum.
Drei Nachmittage lang geht das so.
Der Junge hampelt immer mehr rum.
Beim vierten Mal stellt der Sportlehrer rot-weiße Hütchen in der Halle auf.
Der Junge läuft begeistert hinter ihm her und sammelt sie alle wieder ein.
Der Sportlehrer ruft der FSJlerin zu: „Er soll damit aufhören!“
Dann verteilt er die Hütchen neu.
Der Junge sammelt sie alle wieder ein.
Der Sportlehrer brüllt die FSJlerin an: „Aufhören, endlich aufhören!“
Jetzt geht die Mutter in die Halle.
„Lass die Hütchen stehen“, sagt sie zum Jungen. Und die Hütchen bleiben stehen.
Der Sportlehrer ist empört. „Sie untergraben meine Autorität“, sagt er zur Mutter.
„Da gibt es nichts, was untergraben werden könnte“, sagt die Mutter und setzt sich wieder auf die Tribüne.

 
Nixklusionsmännchen, Kopf mit Zirkel gezeichnet, mit Hütchen und Ball (EM-Ball, Collage).

Die Geschichte vorgelesen …

Anerkennung

Zwei Nixklusionsmännchen mit Wachsmalkreise gemalt, sie halten sich an der Hand, das Bild ist getrennt (zerrissen), so dass sie getrennt sind.

„Überlegen Sie es sich doch bitte noch mal!“ Die Mutter DES JUNGEN versucht alles, um die Schulbegleiterin zum Bleiben zu überreden.
Denn die war ein Glücksfall. Endlich einmal hatte alles gepasst. Für den Jungen. Aber für die Schulbegleiterin nicht.
„Wenn ich bleibe, heißt das: Noch ein Jahr Mindestlohn“, sagt diese. „Keine unbefristete Stelle. Wenn ich krank bin, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es nie Vertretung gibt und Ihr Sohn dann oft zu Hause bleiben muss.“
„Mein Sohn mag Sie so sehr“, versucht es die Mutter noch einmal, „und die Lehrerinnen waren auch immer so zufrieden.“
„Danke für das Lob“, sagt die Schulbegleiterin. Sie wird eine feste Stelle in der Ganztagsbetreuung antreten. „Dort werde ich nach Tarif bezahlt, habe Fortbildungen und Supervision, vielleicht werde ich Teamleiterin oder kann noch ein Aufbaustudium machen.“
„Aber Sie bekommen doch in der Schule jetzt so viel Anerkennung“, gibt die Mutter zu bedenken.
„Ja, Anerkennung schon“, sagt die Schulbegleiterin, „aber in der neuen Stelle wird diese Anerkennung auch bei der Bezahlung und in den Rahmenbedingungen sichtbar.“

Zwei Nixklusionsmännchen mit Wachskreide gemalt. Sie halten sich an der Hand, aber da ist das Bild zerrissen und sie sind getrennt.

Die Geschichte vorgelesen …

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