Kategorie: Geschichten


Der Notar

Die Eltern wollen DEN JUNGEN finanziell absichern, auch für den Fall, wenn sie irgendwann nicht mehr da sind.
Deshalb haben sie einen Termin beim Notar vereinbart. Den Jungen nehmen sie mit. Nicht immer haben sie eine Betreuungsmöglichkeit.
Der Notar beginnt: „Also, diese Dinge sind bei einem Behindertentestament wichtig…“
„Ich bin nicht behindert“, sagt der Junge.
„Ja, ja…“, antwortet der Notar und fährt fort: „Also erben im eigentliche Sinne darf der Behinderte nicht…“
„Ich bin nicht behindert“, sagt der Junge, jetzt ein bisschen lauter.
Der Notar ist verwirrt und aus dem Konzept geraten.
„Unser Sohn weiß, dass er anders ist“, erklärt die Mutter, „aber er erlebt sich nicht als behindert. Er findet sich so ok, wie er ist. Weil auch wir das tun.“
„Aha…“, sagt der Notar.
Bei seinen weiteren Ausführungen schielt er immer wieder verunsichert zu dem Jungen.
Als der Termin zu Ende ist, geht der Junge mit den Eltern zum Ausgang.
Der Notar verabschiedet die Mutter, dann den Vater.
Zu dem sagt er leise: „Ich maile Ihnen dann den Entwurf für das Behindertentestament!“
„Ich bin nicht…“, sagt der Junge.
Die Mutter zieht ihm zum Aufzug: „Lass gut sein! Der versteht es einfach nicht!“

Die Geschichte vorgelesen …

Die Kundin

DER JUNGE arbeitet in einem Supermarkt. Er ist sehr stolz darauf, dass er diesen Job bekommen hat. In einem Praktikum konnte er überzeugen und durfte bleiben.
Meistens räumt er die Regale ein. Manchmal hilft er auch hinten im Lager. Er hat viele Lieblings-Kollegen. Und viele Lieblings-Kunden. Das sind für ihn alle, die ihm freundlich zulächeln oder ihn grüßen.
Zu ihnen gehört auch die Kundin, die heute wieder im Geschäft ist.
Vergeblich hält sie nach dem jungen Mann Ausschau.
Als sie den Marktleiter sieht, spricht sie ihn an: „Sagen Sie, wo ist denn dieser nette junge Mann?“
„Wen genau meinen Sie?“, fragt der Chef.
„Na, der – der so ein bisschen anders ist“, antwortet die Dame vorsichtig. „Wissen Sie, eigentlich kaufe ich immer woanders ein. Dieser Supermarkt hier ist viel zu weit weg für mich. Aber seit ich zum ersten Mal den jungen Mann hier gesehen habe, komme ich immer wieder. Eigentlich komme ich wegen ihm. Ich freue mich jedes Mal so, wenn ich ihn sehe. Ich hoffe, er ist nicht krank oder so?
„Nein“, beruhigt sie der Marktleiter, „der arbeitet heute hinten im Lager. Aber wissen Sie…“
Und dann zwinkert er der Dame zu,
„ich glaube, der hat jetzt gleich da vorne an den Tiefkühltruhen ganz viel zu tun!“

Die Geschichte vorgelesen …

Rot gelb grün

DER JUNGE tut sich schwer in der Schule. Oder die Schule tut sich schwer mit dem Jungen.
Er ist motorisch massiv eingeschränkt und hört kaum etwas.
Immer wieder erhält die Mutter die Rückmeldung aus der Schule, dass er irgendetwas gemacht hat, was nicht erwünscht ist.
Die Sonderpädagogin malt jeden Tag in einer Liste einen Punkt: Manchmal ist dieser Punkt rot, fast immer gelb, selten grün.
Unter dem gelben Punkt steht dann zum Beispiel: Der Junge hat heute den ganzen Tag an seinem Ranzen rumgefummelt.
Na ja, denkt die Mutter, den hätte ja auch mal jemand wegstellen können.
Jeden Tag soll sie die Spalte unterschreiben. Sie tut das nie.
Immer wieder steht dort: Der Junge hat gegen die Schulregeln verstoßen. Neuerdings auch, dass er sich die Maske vom Gesicht reißt.
„Warum tut er das?“, fragt die Mutter in einem der vielen Gespräche über das „Verhalten“ des Jungen.
„Warum ist hier nicht die Frage!“, antwortet die Sonderpädagogin.
Auch diese Woche wieder dicke rote Punkte und der Satz: „Bitte besprechen Sie die Schulregeln noch einmal zu Hause!“
Heute dann, kurz vor einem weiteren Gespräch, ein grüner Punkt mit der Bemerkung: „Der Junge hat heute sehr gut mitgemacht!“
„Das war das erste Mal, dass bei einem grünen Punkt ein Kommentar stand“, stellt die Mutter beim Gespräch erfreut fest.
„Ja“, sagt die Lehrerin, „normalerweise schreiben war da auch nichts. Denn das ist doch klar: Grün heißt: Er hat alle Regeln befolgt und musste nicht ermahnt werden!“

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Auf dem Wochenmarkt

DER JUNGE und die Mutter sind auf dem Wochenmarkt unterwegs.
Seit kurzem herrscht auch dort Maskenpflicht.
Schon von weitem sehen sie eine befreundete Lehrerin.
Ohne Maske.
Schnell kommt diese auf die beiden zu und ruft schon von weitem:
„Nein, ich muss keine Maske tragen!“
„Und warum nicht?“, fragt die Mutter.
„Also“, erklärt die Lehrerin, „sofort als klar war, dass ich jetzt auch im Unterricht eine Maske tragen muss, bin ich zu meinem Arzt. Ich halte das nicht aus – den ganzen Vormittag mit der Maske! Unzumutbar! Und damit auch noch sprechen! Da ersticke ich ja irgendwann!“
Die Mutter zuckt mit den Achseln. Schnell verabschiedet sie sich und geht sie mit dem Jungen weiter.
Als sie ein Stück weg sind, stupst der Junge sie an.
Der Junge, der die Maske den ganzen Schulvormittag trägt. Er hat immer mehrere frische Ersatzmasken dabei.
Der Junge, der die Maske auch im Schulgebäude und auf dem Weg in die Turnhalle trägt.
Der Junge, der die Maske auch beim Kinderarzt klaglos trägt.
Und natürlich morgens im Bus.
„Mama“, sagt er, „ich verstehe das nicht.“
„Nein“, seufzt die Mutter, „ich verstehe das auch nicht. Das ist auch schwer zu verstehen!“

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