Kategorie: Geschichten


Anwesenheitspflicht

Berufswegekonferenz in der 9. Klasse.
Die Eltern sind eingeladen, und DER JUNGE. Für ihn besteht Anwesenheitspflicht. Vor allem die Schulrätin, so wird den Eltern gesagt, wolle ihn unbedingt kennen lernen.
Aber der Junge mag es gar nicht, wenn man über ihn redet. Er selbst spricht wenig, und große Runden mit vielen Erwachsenen lassen ihn ganz verstummen.
Die Eltern schlagen vor, die Konferenz in dem Café zu machen, in dem der Junge immer seinen Praktikumstag verbringt. Alle könnten ihn bei der Arbeit erleben und immer mal etwas dazu fragen.
Aber die Schulrätin winkt ab: Die Berufswegekonferenz müsse unbedingt in der Schule stattfinden. Und mit dem Jungen.
Nach langem Hin und Her erreichen die Eltern, dass der Junge nicht die ganze Zeit dabei sitzen muss. Er soll mit seiner Praktikumsmappe für ein kurzes Gespräch hereingerufen werden.
12 Teilnehmer sitzen dann also am Tisch und beraten über die berufliche Zukunft des Jungen. Auch das Arbeitsamt und die Eingliederungshilfe sind dabei. Die Schulrätin hat noch zwei Kollegen mitgebracht. Nach einer Stunde dann die Protokollnotiz: „Der Junge wird voraussichtlich noch zwei weitere Jahre in die Schule gehen. Eine gute Lösung für das Problem eines passenden Anschlusses muss noch gefunden werden.“
Der Junge sitzt derweil mit seiner Schulbegleitung im Nebenraum. Seine Praktikumsmappe hat er die ganze Zeit unter dem Arm geklemmt.
Aber hereingerufen wurde er nicht.
Die Schulrätin hatte das völlig vergessen.

Die Geschichte vorgelesen …

Trampolin

DER JUNGE springt gerne Trampolin.
Gut, dass es ein großes im Garten gibt.
Jetzt, wo seine Sportgruppen nicht stattfinden können.
Jeden Nachmittag hüpft er wild und ausdauernd.
Immer neue Kunststücke probiert er aus.
Oft kommen Kinder aus der Nachbarschaft vorbei.
„Hallo Junge“, sagen sie dann, „wie geht’s?“
Und dann wechseln sie ein paar Worte.
„Woher kennst du sie denn?“, fragt die Mutter, die keines der Kinder kennt.
„Aus der Schule“, sagt der Junge fröhlich. Er geht in die Schule am Ort.
Auch Jogger kommen vorbei.
„Hey“, ruft einer, „das sind ja voll coole Sachen, die du da machst! Du bist ein richtiger Akrobat!“
Da freut sich der Junge sehr.
Auch eine Nachbarin steht regelmäßig am Zaun. Sie sagt zur Mutter:
„Das ist gut für die Muskulatur des Jungen, dass er so viel hüpft. Gerade für Kinder wie ihn ist das ja besonders wichtig!“

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Kennen

DER JUNGE ist in einer kirchlichen Freizeitgruppe.
Zu den Gruppenstunden begleitet ihn ein Assistent.
Bezahlt wird dieser aus einem kirchlichen Inklusionsfond.
Wenn der Junge mit der Mutter in der Stadt unterwegs ist, treffen sie immer mal wieder Kinder, von denen die Mutter weiß, dass sie auch in der Gruppe sind.
Aber sie grüßen nicht. Sie schauen den Jungen gar nicht an. So, als ob sie ihn nicht kennen.
Die Mutter fragt manchmal den Jungen: „Kennst Du das Mädchen da? Es ist doch auch in deiner Gruppe…“
Der Junge zuckt dann mit den Achseln.
Irgendwann ist die Mutter alleine unterwegs, als sie eines der Kinder trifft.
„Sag mal“, fragt sie, „du bist doch mit meinem Sohn zusammen in der Gruppe, oder?“
Das angesprochene Mädchen runzelt die Stirn.
Erst als es den Namen des Jungen hört, reagiert es:
„Ach, der“, sagt es, „den kenne ich kaum. Das ist doch der, der immer mit seinem Assistenten auf dem Flur Tischkicker spielt, während wir Gruppenstunde haben!“

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Der Bericht

Praktikumswoche in der Schule.
Auch die Schüler mit Behinderung haben mit Hilfe ihrer Eltern Praktikumsplätze gefunden.
Danach geht es um die Auswertung.
Die Sonderpädagogin teilt DEM MÄDCHEN einen Bogen aus, den sie aus der Sonderschule mitgebracht hat.
Zwei Uhren sind dort abgebildet. Auf denen soll das Mädchen einzeichnen, wie lange es gearbeitet hat.
Dann gibt es drei Spalten für: „Das habe ich gemacht“.
Und am Ende die Auswertung: „War dein Chef zufrieden mit dir?“ Drei Smilies zum Ankreuzen.
Zu Hause schaut sich die Mutter das Blatt an. Etwas ratlos dreht sie es um. Nein, mehr gibt es nicht auszufüllen.
Als sie die Sonderpädagogin das nächste Mal sieht, fragt sie: „Warum wurde meine Tochter denn nach dem Praktikum beim Auswertungsbericht gar nicht gefragt, wie es ihr gefallen hat?“
„Das fand ich nicht so wichtig“, sagt die Lehrerin, „viel Auswahl haben die Behinderten später ja ohnehin nicht!“

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