Kategorie: Geschichten


Ein Wohnheimplatz

Berufswegekonferenz in der Schule.
Anwesend sind neben DEM JUNGEN und seinen Eltern auch eine Vertreterin des Sozialamts, der Arbeitsagentur und des Integrationsfachdienstes. Und natürlich die Lehrer.
Alle sehen den jungen Mann in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
„Und dann müssen Sie sich auch bald nach einem Wohnheimplatz umsehen“, sagt der Sonderpädagoge.
„Ich dachte, es geht hier um seine berufliche Zukunft!“ Der Vater ist irritiert.
„Ja, aber der nächste Schritt nach der Unterbringung in der Werkstatt ist die Unterbringung in einem Wohnheim“, ergänzt die Dame vom Sozialamt.
Der Junge schüttelt den Kopf.
„Woanders zu wohnen, das war bislang noch gar kein Thema“, sagt die Mutter. „Er ist gerade 18 geworden. Seine großen Brüder wohnen auch noch zu Hause. Und einer von ihnen ist schon mit dem Studium fertig.“
„Das ist ja auch was anderes…“, wirft die Dame vom Sozialamt ein.
„…wir wollten es wenigstens erwähnen“, ergänzt der Sonderpädagoge.
Als die Konferenz zu Ende ist, nimmt die Mutter den Jungen, der immer ziemlich verwirrt guckt, in den Arm, und sagt: „Wir müssen gar nichts!“

Die Geschichte vorgelesen …

Mitbewohner

Die Mutter DES JUNGEN MANNES trifft eine andere Mutter.
„Ich habe gehört, deine Tochter zieht dieses Jahr in eine WG“, sagt sie.
„Ja“, antwortet die andere, „endlich hat es geklappt! Das war ja gar nicht einfach.“
„Und mit wem zieht sie zusammen?“, fragt die Mutter.
Die andere Mutter zählt drei Namen der künftigen Mitbewohner auf.
„Die ersten kenne ich, mit denen macht deine Tochter ja auch viel, aber den letzten kenne ich gar nicht.“
„Nein, wir auch erst seit kurzem“, sagt die andere Mutter, „aber wir brauchten noch einen wirklich schwer behinderten Mitbewohner, der Anspruch auf viele Leistungen rund ums Wohnen hat. Sonst hätte das mit den Betreuungsstunden für die WG einfach nicht gereicht.“

Die Geschichte vorgelesen …

Chic

DER JUNGE MANN hat ein Vorstellungsgespräch.
Auf der Seite des Unternehmens sind der Chef, der Abteilungsleiter und eine Dame vom Personalwesen dabei.
Die Eltern begleiten den jungen Mann, der auf einmal sehr schüchtern ist.
Zum Glück hatte er viele Unterlagen und Fotos eingereicht.
Und eine gute Bewerbung.
Deshalb wird man sich schnell einig.
Auch wenn der junge Mann kaum einen Satz sagt.
Aufregt ist er, das merken alle.
Erst als das Gespräch zu Ende ist, entspannt er sich.
Auf dem Flur geht er auf die Dame aus der Personalabteilung zu.
Er verabschiedet sich von ihr und sagt: „Sie sind wirklich sehr chic!“
Der Chef und der Abteilungsleiter lächeln.
Denn es stimmt: Die Personalerin ist eine hübsche Frau.

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Engagiert

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine Freundin. Die Kinder waren zusammen in einer inklusiven Grundschulklasse.
„Du“, sagt die Mutter, „ich habe gehört, Deine Tochter geht jetzt wieder an die Sonderschule.“
„Ja“, antwortet die andere Mutter, „es gab irgendwie keine andere Möglichkeit.“
„Nach so vielen Jahren Engagement für Inklusion…“, gibt die Mutter zu bedenken.
„…was sehr mühsam war“, ergänzt die andere Mutter. „Ich habe mich an der Sonderschule jetzt gleich in den Elternbeirat wählen lassen!“
„Und für Inklusion engagierst du dich gar nicht mehr?“, fragt die Mutter des Jungen.
„Nein“, sagt die andere Mutter, „alles gleichzeitig geht nicht!“

Die Geschichte vorgelesen …

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