Kategorie: Geschichten


Studientag

Nixklusionsmännchen, guckt grummelig, hält Zettel in der Hand. Viele Fragezeichen drumherum.

Als es um die Einschulung DES MÄDCHENS ging, haben die Eltern lange mit sich gerungen.
Dann schließlich haben sie sich für die Sonderschule entschieden.
Die Ganztagsschule, die umfassende Förderung und die kompetenten Sonderpädagogen hatten den Ausschlag gegeben.
Heute nun bringt die Tochter einen Zettel mit nach Hause.
Ein „Studientag“ wird darauf angekündigt. Die Mutter liest neugierig.
Dann schüttelt sie den Kopf. „Hör mal“, sagt sie zu ihrem Mann, „da steht: Bedauerlicherweise sind derzeit viele Lehrkräfte erkrankt, auf Fortbildung oder auf schulischen Veranstaltungen außer Haus. Wir verfügen nicht mehr über ausreichend Vertretungskräfte. Ihre Kinder werden also für Mittwoch mit Aufgaben versorgt und vom Unterricht in der Schule befreit.“
„Und das nennt sich ‚Studientag‘?“, fragt der Vater ungläubig.
„Ja“, antwortet die Mutter, „das steht oben groß drüber. Wer studiert denn an dem Tag mit unserer Tochter, wer beaufsichtigt sie, erklärt ihr die Aufgaben und kümmert sich?“
„Ich fürchte“, antwortet der Vater, „einer von uns. Der, der sich Urlaub nehmen kann!“

Die Geschichte vorgelesen …

Das Orchester

Nixklusionsmännchen mit Geige und Noten drumherum (Collage).

von 2019

Die Erzieherinnen hatten viele Ängste und Vorbehalte. Doch die Mutter hatte sie überzeugt: DAS MÄDCHEN durfte in den Dorfkindergarten.
Der Einschulung an der Grundschule war eine monatelange Auseinandersetzung vorausgegangen. Die Schulzeit selbst war geprägt von ständigen Diskussionen über Lernziele und Förderung.
All die Jahre hatte sich die Mutter auch noch um die Freizeit ihrer Tochter gekümmert: Beim Ballett war sie, in der kirchlichen Jugendgruppe und konnte beim örtlichen Reitverein mitmachen.
Jetzt ist aus dem Mädchen eine junge Frau geworden.
Die Mutter hat ihre alte Begeisterung fürs Geigenspiel wiederentdeckt.
Das Mädchen arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Bald wird es in eine Wohngruppe ziehen.
Die Mutter sagt, dass es ihrer Tochter in der Einrichtung ganz gut gefällt.
Die Mutter spielt mittlerweile in einem inklusiven Orchester.
Sie freut sich über die Reisen und genießt die Auftritte sehr.
Sie sagt: Das Orchester ist wichtig, um Inklusion voranzubringen. Weil es Menschen mit Behinderung ermöglicht, sich auch einmal in der Welt außerhalb von Werkstatt und Wohneinrichtung zu bewegen.
Sie sagt, dass sie das Unverkrampfte und die Leichtigkeit in diesem Projekt liebt.
Die Mutter sagt nicht, dass sie keine Kraft mehr hat, weiter für ihre Tochter zu kämpfen.

 

Die Geschichte vorgelesen …

Im Drogeriemarkt

Einkaufswagen, beladen, Mutter schiebt ihn, an der hand hat sie ein kleines Nixklusionsmännchen.

DAS MÄDCHEN ist mit seiner Mutter im Drogerie-Markt.
Ungeschickt wirft es ein paar Dinge aus dem Regal. Die Mutter räumt alles wieder ein, denn sie kennt das schon.
Eine ältere Dame rollt mit den Augen.
An der Kasse steht die ältere Dame hinter der Mutter und dem Mädchen.
Das Mädchen sagt laut „Män“.
„Ja“, antwortet die Mutter, „das sind die Windeln mit dem Spider-Man drauf.“
„Kann Ihre Tochter denn nicht sprechen?“, mischt sich die ältere Dame ein, „das arme Kind!“
„Sie kann gebärden und mit Mimik und Gestik auch viel sagen“, antwortet die Mutter. Und:
„Sieht so ein armes Kind aus?“
Die Tochter wirft der Kassiererin lachend einen Kussmund zu und sagt „tschau“, als sie das Geschäft verlässt.
Auf dem Parkplatz kommt die ältere Dame noch einmal auf Mutter und Tochter zu:
„Ich wollte mich noch mal entschuldigen“, sagt sie, „die ganze Zeit im Laden dachte ich: Was für ein nerviges unerzogenes Kind! Und ein armes Kind ist ihre fröhliche Tochter auch wirklich nicht. Das nächste Mal bin ich nicht so voreilig.“

Die Geschichte vorgelesen …

Altpapier

Schwimmbecken mit Bahnen, auf einer schwimmt ein Nixklusionsmännchen. (Collage)

von 2016

DAS MÄDCHEN braucht einen Praktikumsplatz.
Es möchte ins Schwimmbad.
Die Mutter bereitet sich gut vor:
Recherchiert ein inklusives Arbeitsprojekt in einem englischen Thermalbad.
Formuliert einen Brief an die Schulleitung.
Klärt die Kosten für eine eventuelle Begleitung.
Macht eine Liste mit möglichen Befürchtungen und Gegenargumenten.
Dann ruft sie im Bad an.
Und fängt an zu argumentieren.
Der Badleiter unterbricht sie: „Entschuldigen Sie: Kann Ihre Tochter schwimmen?“
Ja, das kann sie.
„Wunderbar“, sagt der Badleiter, „mehr muss ich nicht wissen. Den Rest finden wir immer gemeinsam mit den Praktikanten heraus. Wir sehen uns dann Montag, am 16., um 8 Uhr.“
„Montag, 16., 8 Uhr“, schreibt die Mutter auf einen Zettel.
Die restlichen Unterlagen wirft sie ins Altpapier.

 

Die Geschichte vorgelesen …

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