Kategorie: Geschichten


Zuerst

DIE MUTTER des Mädchens macht den Garten winterfest.
Dabei hört sie das Gespräch zweier Nachbarinnen mit an.
Die erste sagt: „Na, das mit dem Impfstoff, das wird noch schrecklich!“
„Wie meinst Du das?“, fragt die andere.
„Diese ganzen Diskussionen darum, wer ihn zuerst bekommt. Ich mag mich gar nicht daran erinnern, wie das gerade bei der Grippeimpfung gelaufen ist!“
„Hast Du Deine beiden denn nicht impfen lassen?“, fragt die andere.
„Ich wollte es ja!“
Nun wird die erste Nachbarin laut: „Aber Du glaubst gar nicht, wie ich mit der Sprechstundenhilfe aneinander geraten bin. ‚Wir haben nicht genug Impfdosen‘, hat die gesagt, ‚gegen Grippe geimpft werden zuerst nur die kranken und behinderten Kinder.‘ ‚Na, das ist ja super!‘, habe ich geantwortet, ‚dann sind meine beiden Gymnasiasten weniger wert als die Behinderten??? Sie sind es doch, die Deutschland voranbringen!‘“

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Das Schöne

Die Mutter trifft eine Bekannte beim Einkaufen. Sie weiß, dass diese immer mal wieder Menschen mit Behinderung betreut hat. Einmal war sie mit DEM MÄDCHEN, das inzwischen eine junge Frau ist, auch auf einer Freizeit.
Die Mutter steht bei den Lebkuchen und den weihnachtlichen Süßigkeiten.
Da spricht die Bekannte sie an: „Na, decken Sie sich auch ein? Jetzt geht es wieder mit großen Schritten auf Weihnachten zu!“
„Ja“, sagt die Mutter, „wir freuen uns schon auf die Weihnachtstage. Auch wenn wir sie diesmal nur in unserer kleinen Familie verbringen.“
„Ach ja“, seufzt die Bekannte, „diese leuchtenden Kinderaugen…“
„Das ist schon ein bisschen her… “, lacht die Mutter.
„Na ja“, sagt die Bekannte, „das ist doch das Schöne bei den Behinderten: Dass man immer ein Kind zu Hause hat!”

Ein Tannenbaum mit Stern, ein kleines Männchen daneben.

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Entscheidungen

In der Selbsthilfegruppe, die die Mutter DES MÄDCHENS regelmäßig besucht, haben alle schon ältere Kinder mit Behinderung. Trotzdem ist es für die Mutter immer spannend, zuzuhören.
„Meine Tochter“, seufzt die eine, „hat sich in der Wohngruppe schon wieder in einem Mitbewohner verguckt. Da bin ich mit ihr natürlich gleich zum Arzt…“
„Und“, fragt eine andere, „was macht ihr jetzt?“
„Erst haben wir das mit diesem Hormonstäbchen im Oberarm probiert“, erzählt die andere Mutter, „das hat sie aber nicht gut vertragen. Jetzt nimmt sie die Pille. Aber da muss ich immer ganz genau aufpassen…“
„So ein Risiko will ich nicht eingehen“, sagt die andere Mutter bestimmt, „ich habe lange mit meiner Tochter gesprochen. Und nun ist sie einverstanden mit einer Sterilisation!“
Die Mutter des Mädchens ist geschockt: „Aber deine Tochter ist doch noch so jung! Ist das ihr Wunsch oder hast Du sie gedrängt?“
„Drängen… “, antwortet die andere Mutter, „das sagt sich so einfach. Eine Schwangerschaft – das macht für sie nun wirklich überhaupt keinen Sinn! Komm Du einmal erst an den Punkt, an dem wir jetzt sind. Und dann sehen wir ja mal, was Du dann machst!“
„Das weiß ich jetzt wirklich noch nicht“, antwortet die Mutter des Mädchens ehrlich. Und sie denkt: „…aber nicht so.“

Drei Nixklusionsmännchen. Eins freut sich, eins ist schwanger, eins hat ein kleines Kind neben sich stehen.

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Große Sorgen

Die Mutter trifft eine Freundin in der Stadt.
„Und, wie geht’s so?“, fragt diese.
Sie hatte immer den Weg der JUNGEN FRAU interessiert mit verfolgt.
„Na ja… nicht so gut“, antwortet die Mutter vorsichtig.
„Ja“, antwortet die Freundin seufzend, „wir machen uns ja alle Sorgen, und es geht uns irgendwie allen nicht so gut, so ohne die sozialen Kontakte: Kein Kino, keine Konzerte – nur ein bisschen Shopping und mal was gemeinsam kochen mit Freunden ist mir geblieben!“
„Meiner Tochter ist irgendwie gar nichts geblieben“, sagt die Mutter, „dabei war sie schon so weit!“
Und sie erzählt, dass die junge Frau schon seit Wochen nicht mehr arbeitet, weil der Betrieb geschlossen ist. Dass sie nicht mit zum Einkaufen geht, weil sie zur Risikogruppe gehört. Dass sie wieder zu Hause bei den Eltern wohnt, weil ihr ganzer gewohnter Alltag weggebrochen ist und die Mitarbeiter der Dienste, die sie unterstützt haben, nicht kommen dürfen. Und dass sie die paar Freunde, die sie hat, gar nicht mehr sieht.
„Und meine größte Sorge ist“, beendet die Mutter die Aufzählung, „wie es nach dem Ende der Pandemie weitergeht für sie. Wird sie es schaffen, ihr Leben wieder eigenständig zu gestalten? Und wenn sie es schafft, wie lange wird es dauern?“
„Oh je“, sagt die Freundin mitfühlend. Und nach einer kleinen Pause: „Das sind wirklich große Sorgen!“

Die Geschichte vorgelesen …

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