Kategorie: Geschichten


Was ich nicht leiden kann

DER JUNGE ist noch ein Baby.
Lange war er im Krankenhaus. Als er nach Hause darf, beantragen die Eltern einen Pflegegrad.
Nun kommt der Gutachter zu ihnen nach Hause.
Nach einer kurzen Begrüßung sagt er: „Nur wegen des Down-Syndroms gibt es bei mir übrigens keinen Pflegegrad, das sollten Sie schon mal wissen!“
Die Eltern schauen sich irritiert an.
Dann sagt die Mutter: „Na ja, wir müssen ihn ja auch sehr aufwändig mit abgepumpter Muttermilch füttern, haben täglich Physiotherapie und müssen oft dreimal die Woche zum Kinderarzt. Denn er bekommt ja auch immer wieder noch Sauerstoff…“
„Ja, das können Sie mir gleich alles noch mal genau schildern“, unterbricht der Gutachter ungeduldig, „aber was ich gar nicht leiden kann, sind Eltern, die versuchen, möglichst viel aus ihrem kranken Kind herauszuschlagen!“

Die Geschichte vorgelesen …

Zu gut

DAS MÄDCHEN soll eingeschult werden.
Doch die Schule sieht Unterstützungsbedarf. Sie möchte eine sonderpädagogische Überprüfung veranlassen.
Die Eltern sind nicht glücklich, aber willigen ein.
Der Kindergarten soll nun einen Bericht über das Mädchen schreiben.
Den Bericht bekommt die Schule, um ihn ans Schulamt weiterzuschicken.
Doch kurz nachdem die Schule den Bericht erhalten hat, ruft der Schulleiter im Kindergarten an:
„Der Bericht ist viel zu gut! Damit bekommen wir niemals sonderpädagogische Unterstützung! Sie müssen alles Positive rauslassen und sich nur auf die Probleme konzentrieren!“

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Schuhe

DAS MÄDCHEN braucht maßangefertigte Orthesen mit Orthesen-Schuhen.
Vom Kinderarzt verordnet, um zu verhindern, dass die Gelenkfehlstellung weiter zunimmt. Die Schuhe wurden von der Krankenkasse rasch genehmigt und angefertigt.
Die Orthesen nicht. Immer wieder ging es mit den Eltern hin und her. Schließlich nach einem Widerspruch: Der Bewilligungsbescheid. Fast ein Jahr später.
Nun aber passten die Schuhe nicht mehr.
Und die Krankenkasse schrieb: „Begründen Sie uns ausführlich schriftlich, warum die Orthesenschuhe nicht mehr passen. Bitte beachten Sie, dass eine doppelte Bewilligung ein und desselben Hilfsmittels grundsätzlich nicht möglich ist.“

Nixklusionsmännchen, grummelig, jongliert mit bunten Schuhen.

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Auch schön

DER JUNGE MANN lebt in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung.
Früher ist er gerne zum Schwimmen gegangen.
Das möchte er jetzt auch wieder, jetzt, wo es endlich wieder möglich ist.
Doch das Heim hat niemanden, der ihn begleiten kann.
„Sie müssen verstehen: Unsere Personalsituation ist jetzt nach der Pandemie noch schwieriger als vorher“, sagt die Leiterin.
Doch der junge Mann möchte es weiterhin so gerne.
Die Mutter spricht noch einmal vor.
„Wir haben doch hier im Haus so viele Angebote“, versucht die Leiterin zu überzeugen, „Spielenachmittag, Quiz-Runden und sogar Tischkicker-Turniere. Das ist doch auch schön, oder?“
„Ich will aber schwimmen“, sagt der junge Mann.
Heute findet man keine Lösung.
Als die Mutter und der junge Mann das Büro verlassen, hören sie im Rausgehen noch, wie die Leiterin leise sagt: „Meine Güte! Immer diese Ansprüche…“

Die Geschichte vorgelesen …

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