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Sonder-Pädagogik

Einschulung.
Der Kinderchor singt.
Die 4. Klasse führt ein kleines Theaterstück auf.
Unter den Erstklässlern ist auch DER JUNGE.
10 Monate lang hatten die Eltern dafür gekämpft, dass er hier sein darf.
An der neuen, barrierefreien Grundschule vor Ort.
Das Schulamt wollte ihn an eine andere Schule schicken.
Gemeinsam in einer Gruppe mit Kindern mit Behinderung.
Weil seine Beine gelähmt sind.
Deshalb, so das Schulamt, benötige er besondere Förderung beim Erlernen von Lesen und Schreiben.
Und Sonderpädagogik gäbe es nur an der anderen Schule am anderen Ende der Stadt.
Verstanden hatten die Eltern hatten das nie.
Das einzige, was der Junge aus ihrer Sicht braucht, ist eine Schulbegleitung für Toilettengänge.
Die gäbe es aber nur mit sonderpädagogischem Anspruch, so das Schulamt in einem der vielen Klärungsgespräche.
„Quatsch“, sagt der Anwalt, den die Eltern schließlich einschalten, „das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun.“
Erst nach dem Schreiben des Rechtsanwalts ist für den Jungen der Weg in die Stadtteilschule frei.
Jetzt ist das Theaterstück zu ende.
Die Schulleiterin tritt ans Mikrophon.
Sie begrüßt alle Kinder und Eltern.
Und sie sagt: „Besonders freuen wir uns, dass der Junge hier bei uns lernen wird. Alle zusammen haben wir geholfen, dass das geklappt hat!“
Die Eltern schauen sich an. Sie sind sprachlos.
Sie lachen erst, als sie wieder draußen sind.

Die Geschichte vorgelesen …

Donnerstags

Das neue Schuljahr beginnt.
Der Sonderpädagoge unterstützt die Kinder mit Behinderung vor allem in Mathematik.
Laut Stundenplan ist jetzt donnerstags in den ersten beiden Stunden Mathe.
Doch der Sonderpädagoge ist nicht da. Weil seine Frau an diesem Tag Frühdienst hat, bringt er seine eigenen Kinder in die KiTa.
Die Kinder mit Behinderung sitzen in dieser Zeit im Differenzierungsraum. Mit der Schulbegleiterin, die für eines der Kinder vom Sozialamt bewilligt wurde.
Dieser drückt der Sonderpädagoge einen Stapel Vorschularbeitshefte in die Hand. Sie soll dafür sorgen, dass alle Kinder mit Behinderung die Hefte durcharbeiten.
Die Schulbegleitung wundert sich. Doch man hat ihr bei Dienstantritt erklärt, sie solle immer das tun, was der Sonderpädagoge sagt.
Die Lehrer der Klasse wundern sich. Warum kann der Sonderpädagoge einfach so fehlen? Aber vielleicht gibt es da ja in der Inklusion eine Extraregel.
Die Schulleiterin wundert sich. Aber sie hat sich noch nie um Details der inklusiven Beschulung gekümmert. Sie hat ja schon genug Arbeit und Ärger.
Die Mutter DES JUNGEN wundert sich auch. Und fragt nach.
Der Sonderpädagoge antwortet: „Es ist meine pädagogische Verantwortung, den Unterricht zu planen. Das geht Sie als Mutter gar nichts an. Erziehen Sie lieber Ihr Kind!“

Die Geschichte vorgelesen …

Toll

DER JUNGE geht mit seiner Mutter zum Einkaufen.
Es fängt an zu regnen.
Der Junge setzt sich seine Kapuze auf, und seiner Mutter ihre Kapuze gleich auch.
Er nimmt sie an die Hand und führt sie um die großen Pfützen herum, die sich schnell bilden.
Eine ältere Dame kommt ihnen entgegen.
Sie kennt den Jungen vom Sehen, weil er auch sonst viel in der Stadt unterwegs ist.
Die Dame spricht die Mutter an: „Der hat sie aber wirklich sehr lieb, oder?“ und zeigt auf den Jungen.
„Ja“, lacht die Mutter und fragt, „Wie meinen Sie das genau?“
„Na“, antwortet die Dame, „das kenne ich von meinen Söhnen früher nicht. So zärtlich und so aufmerksam!“
Und dann wendet sie sich an den Jungen: „Du bist ein ganz Toller!“
„Danke, danke“, murmelt der Junge und geht lächelnd weiter.

Die Geschichte vorgelesen …

Allein

DER JUNGEN FRAU geht es nicht gut:
Seit Monaten schon ist sie zu Hause.
Die Tagesförderstätte ist noch immer zu.
Alle Freizeitaktivitäten sind gestrichen.
Und weil sie keine Maske tragen kann, traut sie sich kaum aus dem Haus.
Die Eltern haben immer wieder versucht, ihre Situation zu verbessern.
Aber nirgendwo konnten sie etwas erreichen.
Vielleicht wäre in der Kirche etwas möglich?
Sie schreiben den Pfarrer an und schildern ihm, wie allein ihre Tochter ist und wie allein sie sich fühlt.
Der Pfarrer antwortet schnell. Die Eltern freuen sich.
Er schreibt: „Sie sind nicht allein. Gott ist mit Ihnen! Ich bin mit Ihnen verbunden und denke im Gebet an Sie!“

Die Geschichte vorgelesen …

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