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Blind

Die Mutter DES MÄDCHENS engagiert sich in einem Inklusionsbeirat der Stadt.
Dieses Mal hat die Rektorin der örtlichen Blindenschule besonders viel zu erzählen: Man habe kürzlich Besuch vom Kultusminister gehabt. Sehr beeindruckt sei er gewesen nach dem Rundgang. Immer wieder habe man ihm erzählt, wie wichtig und unentbehrlich dieses besondere schulische Angebot für die blinden Schülerinnen und Schüler sei. Und er habe dem auch zugestimmt.
Die Mutter hört sich die begeisterten und langen Ausführungen eine Zeitlang an.
Schließlich meldet sie sich.
„Sie wissen aber schon“, sagt sie, „dass es Bundesländer gibt, in denen es keine einzige Sonderschule für blinde Schülerinnen und Schüler mehr gibt. Die werden alle an den allgemeinen Schulen vor Ort durch Lehrkräfte eines speziellen Förderzentrums unterstützt.“
Die Rektorin winkt nur kopfschüttelnd ab.
Und dann geht es schon um den nächsten Tagesordnungspunkt.
Die Mutter hört noch, wie die Rektorin leise zu ihrer Sitznachbarin sagt: „Das kann man ja nun wirklich nicht vergleichen!“

Die Geschichte vorgelesen …

Der Aufnahmeantrag

Planungssitzung im Kindergarten einer Elterninitiative.
Es geht um die Bewerbungen.
Die Leiterin stellt vor: Ein Kind, das abwechselnd einen Rollator und Rollstuhl nutzt.
Sie erläutert, dass einige Umbauten und organisatorische Änderungen nötig wären. Bestimmte Ausflüge zum Beispiel würden dann schwierig.
Am Ende ihrer Ausführungen plädiert sie für eine Aufnahme: „Das ist eine Herausforderung. Aber das schaffen wir. Schließlich haben wir schon inklusive Erfahrung, auf die wir aufbauen können.“
Die Eltern diskutieren. Eine Mutter hat besonders viele Einwände: „Was ist denn gewonnen, wenn die ganze Gruppe zurückstecken muss, weil wir sonst den Bedarf des Kindes hier nicht decken können?“
In einer Pause nimmt die Mutter DES MÄDCHENS die Mutter zur Seite: „Du, sei mir nicht böse, aber deine Tochter mit Down-Syndrom ist doch auch hier im Kinderladen. Warum bist du so entschieden gegen die Aufnahme des Jungen?“
„Behindert ist eben nicht gleich behindert“, antwortet diese, „meine Tochter ist total fit. Bei Ausflügen muss man kaum Rücksicht auf sie nehmen. Ich habe viel Arbeit und Zeit da hineinsteckt und so viel Normalität wie möglich erreicht. Soll das jetzt alles umsonst gewesen sein?“

Die Geschichte vorgelesen …

Pläne

Es läuft nicht gut für DAS MÄDCHEN an der allgemeinen Schule.
Die Sonderpädagogin kommt vier Stunden, setzt sich mit dem Mädchen in einen extra Raum und übt „Lebenspraktisches“.
Die restlichen Stunden sitzt das Mädchen im Unterricht dabei. Aber von dem, was dort besprochen und geübt wird, versteht es nur wenig. Manchmal geht die Schulbegleiterin mit ihm raus auf den Schulhof und sie spielen etwas.
Deshalb gibt es nun eine Besprechung.
Die Mutter dringt auf mehr Absprachen zwischen den Lehrerinnen.
„Wieso sollten wir uns absprechen?“, fragt die Grundschullehrerin. „Ich kenne den Bildungsplan der Sonderschule doch gar nicht und kann ihn deshalb auch nicht umsetzen. Ich habe das nicht gelernt.“
Die Sonderpädagogin nickt:
„Und ich kenne den Grundschul-Lehrplan nicht. Als ich hierher abgeordnet worden bin, hat mir meine Rektorin extra mit auf den Weg gegeben, es gelte nur der Sonderschullehrplan für Ihre Tochter. Ich sehe da auch gar keinen Bedarf für gemeinsame Absprachen!“
Die Mutter ist sprachlos.
„Ich verstehe auch nicht, warum Sie sich jetzt beschweren: SIE haben doch die inklusive Beschulung gewählt“, sagt die Sonderpädagogin spitz.
„Nein“, sagt die Mutter, „DAS habe ich nicht gewählt!“

Die Geschichte vorgelesen …

Die Schere

DAS MÄDCHEN hat große Mühe im Handarbeitsunterricht. Vor allem beim Schneiden von Stoffen, die es mit einer Linkshänderschere schneiden soll. Immer wieder möchte es eine andere Schere haben.
Doch die Schulbegleitung und die Lehrerin sind sicher: Dass alles krumm und schief wird, liegt nicht an der Schere. Es liegt daran, dass das Mädchen geistig behindert ist.
Auch die Mutter versucht, bei der Lehrerin nach einer anderen Schere nachzufragen. Vergeblich.
Also kauft sie eine Rechtshänderschere für Stoffarbeiten. Der Vater graviert den Namen des Mädchens ein.
Voller Freude nimmt das Mädchen die Schere mit und schneidet damit den Stoff sauber und gerade.
„Und was hat die Lehrerin denn zur neuen Schere gesagt?“, fragt die Mutter nach der Schule.
Das Mädchen zuckt mit den Schultern: „Nix. Nur komisch geguckt.“
Die Linkshänderschere habe die Lehrerin dann wortlos weggeräumt.

Die Geschichte vorgelesen …

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