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Voll

Notbetreuung im Kindergarten.
Die Mutter DES MÄDCHENS trifft eine andere Mutter.
„Dein Sohn wird in diesem Jahr auch eingeschult, oder?“, fragt sie die Mutter mit Migrationshintergrund.
„Ja, stimmt“, sagt diese, „aber ich weiß noch nicht, wo.“
„Was heißt das?“, fragt die Mutter.
„Er spricht doch immer noch so schlecht. Die Kinderklinik und die Logopädin sagen zwar, sonst ist er fit und klug, aber er soll jetzt überprüft werden. Von einem Gutachter…“
„Ach, und dann eventuell in die Sprachheilschule gehen? Das ist ja auch eine Art Grundschule, nur mit mehr Sprachförderung.“
„Nein“, antwortet die andere Mutter, „der Gutachter hat gleich gesagt: Sprachheilschule sicher nicht, die ist total voll, er soll auf die für „Lernen“.
Die Mutter des Mädchens ist überrascht: „Hat er denn deinen Sohn schon mal gesehen?“
„Nein, das ging noch nicht, wegen Corona…“
„Aber…“, die Mutter des Mädchens zögert ein bisschen, „dass auf der Sonderschule Lernen nach einem abgespeckten Lehrplan unterrichtet wird, also ihm deutlich weniger beigebracht wird, das hat der Gutachter schon gesagt, oder?“
„Nein, davon weiß ich nichts!“, antwortet die Mutter.

Die Geschichte vorgelesen …

Fit

Als DAS MÄDCHEN noch klein war, ging die Mutter mit ihm in eine Elterngruppe. Alle dort hatten alle ein Kind mit Behinderung.
Es ging viel um Förderung, um das, was man unbedingt machen müsse.
Die Mutter fühlte sich oft nicht wohl, wenn die anderen sagten:
„WAS? Du gehst mit Deiner Tochter nicht zur Logopädie? Dann lernt sie nie sprechen.“
„WAS? Ihr macht keine Krankengymnastik? Da schließen sich irgendwann ganz wichtige Zeitfenster!“
„WAS? Ihr wollt keinen speziellen Kindergarten? Also, ich finde, das ist nicht zu verantworten…“
Die Mutter und ihr Mann aber waren sich einig, dass ihre Tochter so viel Normalität wie möglich erleben sollte.
Sie gingen viel in den Wald, sie tobten und turnten auf dem Bett, sangen viele Lieder mit Gebärden und verabredeten die Tochter oft mit anderen Kindern. Sie entschieden sich für den inklusiven Weg im Kindergarten und in der Schule.
Nun ist das Mädchen eine junge Frau.
Manchmal trifft die Mutter jemanden aus der Elterngruppe wieder.
Und wenn sie so ins Erzählen kommt, hört sie immer wieder:
„Was Deine Tochter alles so macht! Also, das geht mit meinem Kind gar nicht. Das kann ich gar nicht mit Deinem vergleichen! Deins ist ja auch ganz besonders fit. Das war es schon immer.“

Die Geschichte vorgelesen …

Zwingend

„Ich bin ganz verzweifelt“, sagt die Mutter, die zum ersten Mal in der Elterngruppe dabei ist.
„Nun ist schon fast Ostern, und ich weiß immer noch nicht, ob das mit der Einschulung meiner Tochter hier an der örtlichen Grundschule klappt!“
„Warum nicht?“, fragt die Mutter DES MÄDCHENS, die schon lange dabei ist und schon vieles erlebt hat.
„Noch nicht einmal das sonderpädagogische Gutachten ist abgeschlossen! Und immer wieder höre ich von „Gruppenlösung“ und „sonderpädagogische Ressourcen bündeln“.
Und dann erzählt sie von der Körperbehinderung ihrer Tochter: Etwas langsamer sei sie, auch beim Schreiben und Malen, unsicher im Gang, und beim Umziehen für den Sportunterricht werde sie sicherlich Unterstützung brauchen. Ansonsten sei sie klug und wissbegierig.
„Das klingt für mich eigentlich nur nach einer Schulbegleitung plus Nachteilsausgleich“, wirft eine andere Mutter ein.
„Braucht Deine Tochter denn eine andere Pädagogik? Ein Sonderpädagoge, der den Stoff anpasst und nicht nur beratend immer mal wiederangefordert werden kann von der Grundschule, sondern regelmäßig da ist?“, fragt die Mutter des Mädchens.
„Nein“, sagt die Mutter verwirrt.
„Dann brauchst Du auch gar nicht diesen Antrag zu stellen und das ganze lange Verfahren durchlaufen“, sagt die Mutter des Mädchens.
Die anderen nicken.
„Mir hat man gesagt: Das ist zwingend! Immer, wenn ein Kind behindert ist!“, ruft die Mutter.
Nein, das stimmt nicht. Da sind sich die anderen Mütter einig.
„Oh, je“, sagt die Mutter, „da muss ich gleich morgen im Schulamt anrufen! Also: Alles wieder auf Anfang!“

Die Geschichte vorgelesen …

Die Tür

DER JUNGE MANN ist bald mit der Schule fertig.
Wie geht es dann weiter?
Seine Eltern sind seit langem mit einem Arbeitgeber im Gespräch.
Er möchte dem Jungen eine Chance geben.
Es gibt viele Gespräche, viele Gesprächsrunden, auch mit dem jungen Mann.
Der seufzt manchmal, wenn er dabei ist.
Die Aufmerksamkeit, die vielen Fragen an ihn, all das ist ihm eher unangenehm.
Er weiß, dass er anders ist. Als Problem sieht er das nicht.
„Wir arbeiten daran, dass wir Ihnen die Tür öffnen können“, erklärt der Chef die lange Vorbereitungszeit. „Denn er möchte, dass es gelingt und für alle gut wird.
Wenn wir so weit sind, dann brauchen Sie nur noch durch die Tür zu gehen.“
Der junge Mann nickt.
Und dann, endlich, kommt schriftlich das „Go!“.
Die Eltern freuen sind.
Der junge Mann auch. Er nickt zufrieden.
So, als ob er es immer gewusst hätte.

Die Geschichte vorgelesen …

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