Begleitung

DER JUNGE möchte am Bibel-Nachmittag einer christlichen Kindergruppe teilnehmen.
Es geht um die Geschichten, die er sehr liebt. Sie sollen gelesen und aufgeführt werden. Es wird gebastelt und gegessen.
Der Junge sei willkommen, so die Veranstalter, aber nur mit Begleitung.
Die Mutter versteht nicht recht, warum. Aber auch nach langem Hin und Her ist das nicht verhandelbar.
Also fragt sie einen Dienst an, über den sie schon öfter mal Studierende bekommen hatte, um mit ihrem Sohn etwas zu unternehmen.
Die Leiterin des Dienstes verspricht, dass jemand kommt.
Kurz bevor es losgehen soll, klingelt das Handy der Mutter und ein Mann meldet sich: Er komme leider etwas später.
Die Mutter schickt den Jungen schon mal rein, und weil die Veranstalter wissen, dass gleich eine Begleitperson kommt, kann die Mutter schon gehen.
Als sie abends kommt, sitzen die Kinder noch im Kreis:
Der Junge, acht weitere Viertklässler und dazwischen ein grauhaariger Mann, der augenscheinlich über 70 ist und sich auch auf einen der kleinen Stühle gequetscht hat.
Am nächsten Tag ruft die Mutter bei der Leiterin des Dienstes an und sagt, dass das irgendwie nicht besonders passend war. Sonst seien doch immer Studenten gekommen…
Die Leiterin reagiert angefasst: „Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, hierfür überhaupt Personal zu finden? Ich finde, Sie können froh und dankbar sein, dass ich jemanden auftreiben konnte. Ist ja auch nicht jedermanns Sache, so eng mit Behinderten zu arbeiten.“

Die Geschichte vorgelesen …

Wohnen

Die Mutter DER JUNGEN FRAU trifft sich mit einer Freundin. Irgendwann kommen sie im Gespräch auf die Auszugspläne der jungen Frau.
„Hattet ihr nicht vor kurzem ein Gespräch mit der Stadt wegen möglicher Unterstützung?“
Die Mutter verzieht das Gesicht: „Hör bloß auf! Das war so deprimierend. Nachdem wir beschrieben haben, wo überall und wie viele Stunden Unterstützung unsere Tochter voraussichtlich braucht, hat die Sachbearbeiterin gesagt: Da brauchen Sie erst gar keinen Antrag stellen!“
„Und warum nicht“, fragt die Freundin nach.
„Weil für solche Menschen wie unsere Tochter ambulantes Wohnen überhaupt nicht gedacht sei! Für die gäbe es doch die ‚besonderen Wohnformen‘.
„Was ist denn das nun wieder?“, fragt die Freundin.
„Das ist“, sagt die Mutter seufzend, „das neue Wort für die Heime.“

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Beileid

Die Mutter ist mit DEM JUNGEN beim Einkaufen im Supermarkt.
Sie diskutieren lebhaft, was sie einkaufen und kochen wollen.
Plötzlich stürmt eine ältere Dame auf die Mutter zu, nimmt deren Hand, legt ihre Hand darauf und sagt:
„Das tut mir so leid!“
Die Mutter ist verwirrt. Der Junge auch.
„Ich glaube, Sie verwechseln mich!“
„Nein, nein“, sagt die Dame, „es tut mir leid. So etwas ist sehr schwer. Ich wünsche Ihnen viel Kraft.“
„Ich verstehe das nicht“, versucht es die Mutter noch einmal und hat eine Idee: „Wir haben keinen Todesfall in der Familie!“
„Wissen Sie“, fährt die Dame fort und schaut den Jungen an, „meine Freundin hatte auch so ein Kind. Ich weiß, wie schwer das alles ist!“

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Ferienlager

DER JUNGE ist seit Jahren in einem Ferienlager. Auch seine Schwester ist immer dabei. In diesem Jahr sind beide so alt, dass sie ins Betreuer-Team wechseln können. Das ist bei den Kindern, die dem Teilnehmer-Alter entwachsen sind, so vorgesehen.
Die Eltern haben sich natürlich Gedanken gemacht, wie das beim Jungen gelingen kann. Die Ferienlager mit dem ganzen Drumherum – den T-Shirts, einem eigenen Logo und Aktionen auch während des Jahres – sind ihm total wichtig. Die Eltern bekommen vom verantwortlichen Leiter eine Einladung, alles zu besprechen.
Dort berichtet dieser erst einmal, wieviel Rücksicht und Zeit das Team in den vergangenen Jahren aufgebracht hat, um die Teilnahme des Jungen zu ermöglichen. Und bevor die Eltern etwas sagen können, erklärt er: „Dass er ins Betreuer-Team wechselt, macht gar keinen Sinn!“
Die Eltern sind überrascht und geschockt. Mit einer solch klaren Abweisung hatten sie nicht gerechnet.
„Der Junge hatte ja eine schöne Zeit hier“, legt der Leiter nach, „Sie wollen doch sicherlich nicht, dass seine Erinnerung an die Ferienlager nun mit einer unschönen Erfahrung endet.“
Die Eltern wollen jetzt nur noch eins: Das Gespräch beenden.
Doch der Leiter lässt sie noch nicht gehen: „Aber Ihre Tochter hätten wir wirklich gerne im Betreuer-Team. Sie ist so geduldig, so geschickt im Umgang mit den Kleinen, auch wenn es mal schwierig wird. Das wäre schade, wenn sie jetzt aus falsch verstandener Solidarität mit ihrem Bruder auch aufhören würde. Dann müsste sie ja unter der Behinderung ihres Bruders leiden. Das Beste wäre, sie sagen ihr, dass wir das hier so gemeinsam entschieden haben!“

Die Geschichte vorgelesen …