Das Namensschild

DER JUNGE ist neu an seinem Arbeitsplatz.
„Wir haben auch schon ein Namensschild für ihn vorbereitet“, sagen die Kollegen.
„Oh, je“, denkt die Mutter.
Alles, was man ansteckt oder anklebt an seine Kleidung, mag der Junge gar nicht.
Auch nichts um den Hals hängen. Oder ums Handgelenk geklebt als Eintrittskarte.
Dann aber, als sie ihn heute abholt, trägt er, so wie alle anderen, sein Namensschild am T-Shirt.
Ganz selbstverständlich. Ganz stolz.
Er erzählt von den beiden Kolleginnen, die es ihm angesteckt haben.
„Ich sehe chic aus!“, sagt er.

Die Geschichte vorgelesen …

Mit Begleitung

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine andere Mutter. Sie kennen sich aus einer Frühfördergruppe.
„Ich habe gehört“, sagt die Mutter des Jungen, „dein Sohn macht ein Freiwilliges Soziales Jahr!“
„Das ist schon wieder vorbei“, antwortet die andere Mutter, „ein Jahr war er im Seniorenheim“.
„Und wie ist er dort zurecht gekommen?“, fragt die Mutter des Jungen weiter.
„Ach, ganz gut. Wir sollten eine Begleitung mit schicken. Nur für die ersten Wochen. Das war der Einrichtung ganz wichtig. Aber dann wollten sie auf die Begleitung nicht mehr verzichten. Ohne Begleitung ginge es nicht, haben sie gesagt. Sie müssten meinem Sohn immer wieder sehr viel zeigen und sich kümmern, dass er auch alles richtig macht. Dafür hätten sie leider keine Zeit.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ist er in der Werkstatt. Da wollte er auch hin. Seine ganze Klasse ist ja schon vor einem Jahr in die WfbM gewechselt. Da war das natürlich jetzt ein fröhliches Wiedersehen!“

Die Geschichte vorgelesen …

Auf Probe

DER JUNGE lernt in der Schule nach dem Förderschwerpunkt „Lernen“.
Mehr als einmal haben die Eltern bereut, sich überhaupt auf diese „Schonung, die Ihr Sohn braucht“ eingelassen zu haben.
Vor allem, seit sie verstanden haben, dass er so keinen Schulabschluss machen kann.
Seit Jahren versuchen sie, den Förderschwerpunkt loszuwerden. Denn sie hatten immer den Eindruck, dass er dem Unterrichtsstoff seiner Klassenkameraden gut folgen kann.
Immer wieder werden sie vom Schulamt und den Sonderpädagogen vertröstet: Ihr Eindruck sei nicht objektiv. Der Junge habe eben nicht nur motorische Einschränkungen. Es brauche Zeit, bis er auf dem Stand der Mitschüler sei.
Endlich haben die Eltern einen Teil-Erfolg: Der Förderschwerpunkt wird für dieses Schuljahr auf Probe ausgesetzt.
Heute haben sie einen Termin bei der Klassenlehrerin.
Nervös fragen sie nach dem Eindruck von der Leistungsstärke des Jungen.
Die winkt ab: „Da müssen Sie sich gar keine Sorgen machen! In zwei Fächern ist er Klassenbester. Und auch sonst überall im oberen Drittel dabei!“

Die Geschichte vorgelesen …

Die Anfrage 2

Die Mutter DES JUNGEN erreicht eine Anfrage. Sie kommt vom Pressebüro des Bürgermeisters.
Einen Image-Film wolle die Stadt drehen. Zeigen, wie bunt und vielfältig sie ist.
Und natürlich sollen deshalb auch Menschen mit Behinderung vorkommen.
„Ich habe da an Ihren Sohn gedacht“, sagt die Pressefrau.
„Ja, und was soll er im Film machen?“, fragt die Mutter.
„Er soll Schach mit dem Bürgermeister spielen!“
Die Mutter stutzt. „Aber er kann nun wirklich kein Schach spielen! Mensch-ärgere-Dich-nicht oder Uno…“
„Das macht gar nichts“, antwortet die Pressefrau. „Es ist doch nur für den Film! Er lacht doch immer so schön!“

Die Geschichte vorgelesen …