Das Netz

DAS MÄDCHEN kommt bald in den Kindergarten.
Seine beiden großen Brüder sind in der KiTa um die Ecke. Sie fühlen sich wohl dort.
Schon vor einiger Zeit ist die Leiterin auf die Mutter zugekommen und hat gesagt: „Wir freuen uns schon sehr auf Ihre Kleine!“ Denn natürlich kennen alle das Mädchen schon von Festen, von Familiennachmittagen und vom Abholen.
Doch die Mutter zögert.
Heute nun sagt sie den Platz ab: „Meine Tochter ist behindert“, sagt sie, „sie wird ihr Leben lang ein Netz unter sich brauchen, das sie auffängt. Und das fangen wir jetzt an, aufzubauen!“
Sie meldet ihre Tochter im Sonderkindergarten im Nachbarort an. Ein Bus holt das Mädchen von zu Hause ab. Und KiTa-Gebühren fallen auch nicht an.
Die Leiterin der KiTa um die Ecke informiert ihr Team, dass das Geschwisterkind doch nicht kommt.
„Das finden wir alle sehr schade“, sagt sie zur Mutter.

Die Geschichte vorgelesen …

Hallo

DER JUNGE ist in der Abschlussklasse. Dort wird er inklusiv unterrichtet.
Das heißt an dieser Schule: Alle Stunden ist er mit seinem Schulbegleiter in einem Extra-Raum.
Viele Gespräche gab es zu dieser Situation.
Die Lehrer sagten: „Wir können ihm nicht gerecht werden. Er ist hier falsch. Und wir haben das nicht gelernt.“
Das Schulamt sagte: „Ja, da können wir auch nichts machen.“
Zu den Lehrern hat der Junge also keinen Kontakt. Und zu den anderen Kindern nur in der Pause.
Als die Mutter einmal etwas in die Schule bringt, sieht sie, wie der Junge den Lehrern, die er auf dem Weg in „seinen“ Raum trifft, „Hallo“ sagt. „Hallo“ und immer wieder „Hallo“. Keiner der Lehrer reagiert.
Nun steht die Abschlussfahrt an.
Die Mutter meldet ihn ab. Er wird in dieser Zeit ein freiwilliges Berufspraktikum machen.
„Ach, das ist aber schade, dass er nicht mitfährt“, sagt die Klassenlehrerin.
Die Mutter runzelt die Stirn: „Sie kennen ihn doch gar nicht mehr! Sie haben seit über einem Jahr kein einziges Wort mit ihm gewechselt! Wie soll ich es da als Mutter verantworten, ihn in Ihre Obhut zu geben?“
Die Lehrerin schweigt.

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Die Abmeldung

DER JUNGE MANN lebt im Wohnheim.
Einmal in der Woche macht er Sport in der Inklusions-Gruppe eines Vereins im Ort. Die Trainer dort sind sehr engagiert. Sie holen ihn aus dem Wohnheim ab und bringen ihn auch wieder zurück.
Heute jedoch hat die Leiterin der Gruppe seine Abmeldung im Postfach.
Sie wundert sich: Er kommt doch immer so gerne, hat schon so viele Leute kennengelernt, ist beliebt, und die Bewegung macht ihm viel Spaß.
Dann sieht sie, dass nicht er die Abmeldung unterschrieben hat, sondern eine Mitarbeiterin des Wohnheims.
Die Leiterin ruft dort an.
„Wir haben jetzt auch ein Bewegungsangebot hier im Haus“, erklärt diese, „das ist für ihn viel praktischer. Da muss er nur runter in den Gemeinschaftsraum kommen. Die Sportgruppe in der Stadt war auch für unsere Mitarbeiterinnen immer ziemlich stressig: Sie mussten ihn erinnern, sich fertig zu machen, seine Sachen packen und immer pünktlich vor dem Haus stehen.“
„Aber er ist sehr glücklich in der Gruppe…“, beginnt die Übungsleiterin des Vereins.
Die Mitarbeiterin des Wohnheims unterbricht: „Glücklich ist er auch hier! Wir haben das mit ihm besprochen. Es ist so für alle das Beste.“

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Der Flyer

„Individuelle und passgenaue Unterstützung“ – „personenzentrierte Ausrichtung unserer Angebote“ – „Maßnahmen nach individuellen Bedürfnissen der Teilnehmer“ – und: „Partner auf Augenhöhe“.
Die Mutter ist beeindruckt. All das steht in dem Flyer der Berufsförderungseinrichtung. DER JUNGE MANN hat die Bewilligung einer Maßnahme von der Arbeitsagentur erhalten, und diese Einrichtung soll ihn unterstützen, einen Job zu finden.
Die Mutter trifft sich mit der Leiterin zu einem Vorgespräch. Diese fragt als erstes: „Warum eigentlich 1. Arbeitsmarkt? Ihr Sohn gewöhnt sich bestimmt auch gut in einer Werkstatt für Behinderte ein. Wir starten übrigens immer mit allen Teilnehmern für die ersten zwei Monate in einer WfbM. Der Vorteil: Wer nicht fit genug ist, kann dann gleich da bleiben.“
Die Mutter ist irritiert: „Aber diese Maßnahme wurde doch bewilligt, um Alternativen zur WfbM zu finden!“
Aber die Leiterin lässt nicht locker: „Ich habe da einfach einen professionellen Blick drauf. Ihr Sohn kann doch gar nicht auf dem 1. Arbeitsmarkt arbeiten! Ich habe ihn zwar noch nicht kennen gelernt, aber das sehe ich schon aus den Unterlagen. In der Werkstatt ist er unter seinesgleichen. Ich weiß, Eltern fällt es immer schwer, die Behinderung ihrer Kinder zu akzeptieren.“
Und dann lacht sie und fügt hinzu: „Und da lernt er auch passende junge Frauen kennen!“
Die Mutter schüttelt ungläubig den Kopf.
Als sie geht, lässt sie den Flyer auf dem Tisch liegen.

Die Geschichte vorgelesen …