50 Stühle

Die Mutter trifft eine Bekannte.
„Du“, sagt diese, „ich habe DEINE TOCHTER neulich bei der Arbeit gesehen!“
„Ach, das ist ja nett“, sagt die Mutter, „wo denn?“
„Die haben da irgendwelche Stühle für eine Veranstaltung aufgestellt. Aber, so richtig gearbeitet hat sie eigentlich nicht.“
„Warum denn nicht?“, fragt die Mutter überrascht nach.
„Na, ja“, sagt die Bekannte, „sie hat vielleicht gerade mal so 10 Stühle aufgestellt. Und die anderen, die dort auch gearbeitet haben, bestimmt jeder 50!“
Die Mutter stutzt.
Nach einer Weile sagt sie: „Ja, und genau deshalb erhält der Arbeitgeber für sie auch einen sehr hohen Lohnkostenzuschuss. Einfach, weil sie nicht so viel leisten kann, wie die anderen. Aber sie ist dabei und mittendrin und schafft, was sie schafft.“
Da stutzt die Bekannte.
Nach einer Weile sagt sie: „Stimmt. So habe ich das noch gar nicht gesehen.“

Die Geschichte vorgelesen …

Lesen

DAS MÄDCHEN ist gerade in die vierte Klasse gekommen.
Jetzt weigert es sich, zu Hause Leseübungen zu machen.
Es wirft seine Fibel vom Tisch, weint und schluchzt: „Nicht lernen, nicht lesen, ich dumm, so dumm!“
Die Mutter versteht die Welt nicht mehr.
Was ist passiert? Ob andere Kinder das Mädchen vielleicht ausgelacht haben?
Sie bringt das Mädchen am nächsten Tag zur Schule und passt vor dem Lehrerzimmer die neue Lehrerin ab.
„Nein, die anderen Kinder lachen nicht“, beruhigt diese die Mutter, „das hätte ich mitbekommen! Aber ich habe schon, seit ich hier bin, das Gefühl, dass Ihre Tochter mit dem Konzept des sinnentnehmenden Lesens überfordert ist.“
„Was heißt das?“, fragt die Mutter überrascht nach. „Sie mag Bücher, und Lesen auch, auch wenn es ihr noch schwer fällt. Aber sie hat da schon so viel gelernt. In ihrem Tempo natürlich.“
„ Ach, wissen Sie“, antwortet die Lehrerin, „das redet man sich als Elternteil ja gerne ein. Da wird ein ganzes Schülerleben geübt, und am Ende können die jungen Leute doch kein normales Buch oder einen Zeitungsartikel lesen. Ich gehe das anders an. Das habe ich auch diese Woche schon mit ihrer Tochter besprochen: Die Fibel brauchen wir nicht mehr. Wir lesen jetzt Alltagsschilder und Beschriftungen: Toilette, Ausgang, Kasse – solche Sachen eben.“
Und als die Mutter überrascht schweigt, fügt sie hinzu: „Mit der Umgewöhnung tut sich Ihre Tochter eben noch ein bisschen schwer!“

Die Geschichte vorgelesen …

Paddeln

Die Familie DES JUNGEN geht gerne paddeln, wie immer mit anderen befreundeten Familien.
Der Junge paddelt begeistert. Er paddelt nicht so gut wie Erwachsenen, auch nicht so gut wie die anderen Kinder in seinem Alter. Und schon die kleineren Kinder haben viel schneller als er verstanden, wie man das Paddel drehen muss, damit man nicht zu viel Wasser ins Boot schaufelt.
Auch heute gab es wieder etwas Ärger, als alle, die mit dem Jungen im Boot fuhren, ziemlich nass wurden. Nicht so richtig nass, denn der Junge hatte im Laufe der Zeit doch vieles gelernt. Aber einige Kinder wollten nicht mehr mit ihm im selben Boot fahren. Auch einer der Erwachsenen hatte mit dem Jungen geschimpft. Der wollte am Ende dann gar nicht mehr paddeln und saß mit hängendem Kopf traurig vorne im Boot.
Abends besprechen die Eltern wie immer mit ihm den Tag: Was war schön, was war nicht so schön?
„Ich fand das Paddeln schön“, sagt die Mutter.
Der Junge schaut sie überrascht an: „Echt?“
„Ja, du hast gut gepaddelt, so gut, wie Du kannst. Mehr geht eben nicht. Und mehr kann auch niemand von dir verlangen!“
Der Junge nimmt ihre Hand: „Mama, das hast du so schön gesagt!“

Die Geschichte vorgelesen …

Jubiläum – die 300. Geschichte

Hier unsere Presseerklärung zum 23.5.2022:

300 mal zwischen Inklusion und Nixklusion
Die Kirstens feiern Jubiläum

300 Geschichten zwischen Inklusion und Nixklusion haben Kirsten Ehrhardt
und Kirsten Jakob in ihrem vielgelesenen Blog kirstenmalzwei.de
inzwischen veröffentlicht.

Am Montag, 23.5., erscheint die 300. Geschichte. Sie handelt, wie viele
der Geschichten, von Kindern mit Behinderung in der Schule. Aber auch
Geschichten über Arbeit, Freizeit, Familie und Wohnen gibt es. Alle
Geschichten sind wahr und stammen aus dem Umfeld der beiden Mütter, die
beide selbst einen Sohn mit Behinderung haben.

Seit September 2016 veröffentlichen die beiden Baden-Württembergerinnen
jeden Montag eine Blog-Geschichte. “Manchmal hatten wir Angst, uns gehen
die Geschichten aus”, sagen sie, “aber das ist bislang nicht passiert.”
Denn beim Thema Inklusion und Umsetzung der
UN-Behindertenrechtskonvention ist Deutschland allenfalls am Anfang
eines Weges. Das wird in vielen Geschichten deutlich.

Das Wort “Nixklusion” ist übrigens eine Wortschöpfung der Kirstens. Als
die beiden mit ihrem Blog starteten, war es in den Suchmaschinen kaum zu
finden. Heute ist Nixklusion fast schon ein geflügeltes Wort dafür, wie
Inklusion misslingt oder missverstanden wird.

Liebevoll werden alle Geschichten von Anfang an vom “unbekannten
Illustrator” mit einer Zeichnung versehen. Seine minimalistischen
“Nixklusionsmännchen” haben inzwischen viele Fans und sind das optische
Erkennungszeichen des Blogs. Jede Geschichte gibt es übrigens inzwischen
auch als Podcast.

Kirstenmalzwei ist auch bei twitter aktiv (@KirstenKirsten) und bei
instagram zu finden unter @Kirstenmalzwei