Dolmetscher

DER JUNGE ist der zweiten Grundschulklasse.
Er ist sehr sportlich, ist beliebt und hat viele Freunde.
Und er hat einen Gebärdensprachdolmetscher an seiner Seite.
Denn der Junge ist taub.
Wie viele seiner Freunde möchte er Fußball spielen, so richtig im Verein.
Die Eltern fragen in verschiedenen Vereinen an.
Nur einer kann sich das vorstellen. Der Junge könne gerne vorbei kommen –
aber bitte mit Dolmetscher. Denn am Anfang gäbe es ja viel zu besprechen,
zum Beispiel die Spielregeln und die Anweisungen des Trainers.
Später könnte man wahrscheinlich auf den Dolmetscher verzichten.
Ein paar Grund-Gebärden könnten dann ja alle lernen.
Eine gute Idee, finden die Eltern und freuen sich.
Sie beantragen die Dolmetscher-Stunden beim Amt.
Ihr Antrag wird abgelehnt. Warum?, fragen sie den Sachbearbeiter.
„So sind unsere Gesetze“, erklärt dieser, „Schule ist Pflicht, aber Freizeitaktivitäten sind wie Ehrenämter: Kann man machen, muss man nicht machen.“
Und dann sagt er noch: „Schicken Sie Ihren Sohn doch auf eine Gehörlosenschule.
Da kann er ja auch Fußball spielen!“

Die Geschichte vorgelesen …

5 Kommentare

  1. Fan des Illustrators sagt:

    Viele Menschen mit Behinderung fühlen sich nicht behindert.
    Ein Sachbearbeiter kann das aber ganz leicht ändern und einen Menschen seine Behinderung spüren lassen.
    Es ginge auch anders, wie die bunte Illustration zeigt.

  2. Anonym sagt:

    Und bestimmt wäre es auch für das Amt viel billiger als ein Gehördensprachdolmetscher für den Sport zu finanzieren.

    Spätestens dieser Satz lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass der Vorschlag mit dem Internat ironisch gemeint war. 😉

  3. Anonym sagt:

    Ein Internat, in dem ein Grundschulkind die ganze Woche von seiner Familie und seinem sonstigen Umfeld getrennt ist wäre genau das, was man für einen Zweitklässler erträumt?!

  4. Anonym sagt:

    Die für meine Region hier zuständige Gehörlosenschule verliert kein Wort über eine Fußballmannschaft. Ich bezweifel mal, dass diese Schulend überhaupt Freizeitsport anbieten.
    Aber vielleicht gibt es irgendwo ein Internat für Gehörlose. Das wäre doch genau das, was man für einen Zweitklässler erträumt. Und bestimmt wäre es auch für das Amt viel billiger als ein Gehördensprachdolmetscher für den Sport zu finanzieren.

  5. Anonym sagt:

    Es geht leider nicht nur um Freizeitaktivitäten! Ich bin Mutter eines behinderten Kindes und habe in meinem Bekanntenkreis Mütter ,die klagen dass das Amt die Kosten für den Fahrdienst für ihre erwachsenen behinderte Kinder nicht übernehmen wollen. Kosten für den Fahrdienst werden nur dann übernommen wenn sie in eine Behinderteneinrichtung befördert werden. Sonst nicht! Haben sie die Möglichkeit in Einrichtungen zu arbeiten ,die nicht an Behindertenwerkstätten oder Tagesstätten gebunden sind,dann müssen sie selber zusehen wie sie dort ankommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.