Nerven

DER JUNGE geht in eine inklusive vierte Klasse. Er ist Autist. In fast allen Fächern sitzt er nur teilnahmslos dabei. Ob er lesen oder schreiben kann, wissen die Lehrer nicht wirklich. In Mathematik allerdings macht er gut mit und gehört zu den besten der Klasse.
Er wird mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ beschult. Für die weiterführende Schule möchte das Schulamt ihn auf eine Sonderschule schicken.
Die Eltern lehnen das ab. Sie leben erst ein paar Jahre in Deutschland. Die Sprache verstehen sie gut. Aber die Aufgabenverteilung zwischen Schulamt und Jugendamt, allgemeiner Schule und Sonderschule verstehen sie nicht.
Von all diesen Institutionen sitzen jetzt Vertreter bei einem Runden Tisch. Auch die Mutter des Mädchens ist dabei, als Person des Vertrauens. Sie hat die Familie bei einem Selbsthilfetreffen kennen gelernt.
Die Eltern möchten, dass ihr Sohn in eine Schule geht, die seine Talente fördert. Der Vater trägt vor, dass der Junge drei Sprachen spricht und versteht. Und dass er viel mehr kann als er zeigt.
Die Sonderschulrektorin rollt mit den Augen, als er das sagt. Aber der Vater lässt nicht locker. Immer wieder fragt er hartnäckig vieles nach und stellt Dinge in Frage. Je aufgeregter er wird, desto mehr Probleme hat er beim Satzbau. Auch sein Akzent wird stärker.
Die Sitzung geht schon so lange, dass alle eine Pause brauchen.
Auch die Mutter des Mädchens geht zur Toilette. Aus der Kabine heraus hört sie, wie zwei Frauen am Waschbecken stehen und sich unterhalten:
„Ach, ich glaube, wir werden heute gar nicht mehr fertig. Diese ständige Gestammel des Vaters geht mir schrecklich auf die Nerven“, sagt die eine.
Die andere lacht: “Stimmt, da weiß man manchmal nicht, wer stärker behindert ist: Vater oder Sohn!”
Dann hält die zweite, die Sonderschulrektorin, der ersten, der Sachbearbeiterin des Jugendamtes, die Tür auf und sagt aufmunternd: „Auf jetzt! Auf in die letzte Runde!“

Die Geschichte vorgelesen …

10 Kommentare

  1. Anonym 55 sagt:

    Von der ‚Person des Vertrauens‘ hätte ich konstruktive Unterstützung erwartet – z.B. die Bestätigung, dass der JUNGE tatsächlich drei Sprachen spricht. Der Vaters wäre so bestärkt worden.
    In der Schule zeigt der JUNGE diese Fähigkeiten nicht – auch wenn er anscheinend der Beste in Mathe ist! Er kann u.a. Problemstellungen in Sachaufgaben erkennen, Lösungswege aufzeigen und begründen, er kann mit dem Geodreieck umgehen und in der Gruppe arbeiten. Das wäre den Lehrern doch sicher aufgefallen.
    Hilft es dem JUNGEN, weitere Jahre teilnahmslos aber inklusiv dabeizusitzen?

    • Julia sagt:

      Die Geschichte wirft Fragen auf. In der 4. Klasse gibt es in Mathe auch viele Textaufgaben. Die Lehrer wissen nicht, ob der JUNGE lesen und schreiben kann. Der JUNGE ist aber einer der Besten in Mathe.

    • Anonymous sagt:

      Naja, es heißt, in Mathe macht er gut mit und gehört zu den besten. Also
      nicht ” der Beste”.
      Das gibt es tatsächlich, Schüler, die in einem Fach problemlos mitkommen, ohne dass es groß auffällt. Leider. Gerade wenn es in Mathe ist, hat es doch eine wichtige Bedeutung. Es lässt vermuten, dass er früher oder später seine sprachlichen Defizite aufholen kann, zumindest bis zu einer gewissen Mittelmäßigkeit.

  2. Katta sagt:

    Da bin ich irgendwie sprachlos, aber auf der anderen Seite kann ich mir bildlich vorstellen, was die LehrerInnen hinter meinem Rücken alles erzählt haben. Meine Erfahrung aus 9 Jahren Inklusion: wenn man nicht jeden Tag dankbar ist, dass die Schule das Kind mit Behinderung aufgenommen hat, ist man schnell die böse Mutter, die den Lehrern nur das Leben schwer machen möchte.

    • Sonnenschein sagt:

      Das ist traurig. Leider passt das aber genau zu den Kommentaren, die Eltern über Pädagogen machen. Kann man hier sehr gut nachlesen. Beiden Seiten täte mehr Respekt sehr gut. Im Sinne der Kinder.

      • Anonymous sagt:

        Das denke ich schon lange.
        Als Lehrerin war ich entsetzt, wie manche Eltern sein können, als Mutter ging es mir genau umgekehrt.
        Dabei geht es um die Kinder. Dass Gespräche gut gelingen, ist nicht selbstverständlich.
        Und wenn eine Seite nicht will, egal welche, kann es nicht gelingen.
        Ich hoffe, dass diese Geschichte eine gute Wende genommen hat.

      • Butterblumenland sagt:

        Wie genau kommt man bei dieser Geschichte darauf, Vorwürfe gegen die Eltern zu erheben? Was hätten sie machen sollen?

        • Türkis sagt:

          Ich denke, man kommt hier gar nicht auf die Idee Vorwürfe gegen die Eltern zu erheben. Die Geschichte ist ja eindeutig, die Eltern ringen um einen inklusiven Weg, dieser Wunsch findet aber bei den Fachleuten kein Gehör, schlimmer noch: die Eltern werden verspottet.

          Ich habe die Kommentare eher als Fazit zum Blog verstanden:
          nahezu alle LehrerInnen treten empathielos, fachlich unterirdisch und inklusionsfeindlich auf, Fachleute denen man wirlich nie begegnen möchte. Die Kommentare sind dann entsprechend abwertend und abschätzig.
          Es stellt sich schon die Frage, ob diese Gewichtung der Realität entspricht , oder ob ein Berufstand massiv negativ gezeichnet wird, der eben auch zu einem guten Protzentsatz mit Kompetenz und Einfühlungsvermögen im beruflichen Alltag steht.

          !!!! Allerdings: dieser Blog ist ein privater, wir LeserInnen haben ergo keinen Anspruch auf Ausgewogenheit !!!!

          • Sonnenschein2 sagt:

            Das haben Sie genau auf den Punkt gebracht. Ich habe hier schon mehrmals angemerkt, dass in Deutschland ein eklatanter Lehrkräftemangel herrscht. Seiteneinsteiger*innen haben beste Chancen. Warum ergreifen denn die Kritiker*innen hier nicht endlich ihre Chance es besser zu machen? Warum werden Tipps nur in Kommentaren geschrieben. Erinnert mich an Fußball. Alle wissen immer viel besser wie es geht.
            Schule ist nur ein Bruchteil des Lebens. An den dramatischen Arbeitslosenzahlen von Menschen mit Behinderung (vor allem Akademiker*innen) sind Lehrkräfte wohl eher nicht schuld. Wäre das nicht auch mal ein Thema?

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