Irritierend

Die Mutter DES MÄDCHENS trifft eine Bekannte.
„Sag mal“, sagt diese, „hab ich dich nicht heute Morgen schon mit deiner Kleinen beim Einkaufen gesehen? Hat sie gar keine Schule?
„Doch, eigentlich schon“, antwortet die Mutter. „Aber die Sonderpädagogin hat uns Eltern gebeten, unsere Kinder mal ein paar Tage zu Hause zu lassen.“
„Wie?“, die Bekannte ist sprachlos, „alle Kinder sollen zu Hause bleiben?“
„Nein, nur die Kinder mit Behinderung in unserer Klasse!“
„Warum denn das?“, fragt die Bekannte nach.
„Weil es im Moment alles so anstrengend und zu viel sei. Die Sonderpädagogin muss in mehreren Klassen unterrichten, sie hat weniger Stunden als noch im vergangenen Schuljahr. Und auch immer muss sie auch andere Lehrer vertreten.“
„Also“, die Bekannte holt tief Luft, „ich fände das wirklich sehr irritierend, wenn unsere Lehrerin das sagen und erwarten würde, dass ich meine Tochter deshalb zu Hause lasse. Ich würde das auch niemals tun!“
„Tja …“, die Mutter des Mädchens zuckt mit den Achseln, „deine Tochter ist ja auch nicht behindert!“

Die Geschichte vorgelesen …

6 Kommentare

  1. Claudia sagt:

    Irritierend ist eine passende Überschrift. Warum müssen die Schüler der Sonderpädagogin daheim bleiben? Ihr Vertretungsauftrag steht vor ihrem eigentlichem Job. Sie wurde als Sonderpädagogin angestellt, nicht als Vertretungslehrerin.
    Sehr oft hört man sowas auch von Förderlehrkräften, die extra für eine zusätzliche Förderung eingestellt wurden, dann aber nur Vertretungen machen.

  2. Anonymous sagt:

    Die Empörung der Bekannten finde ich gut! Wäre schön, wenn es nicht bei “ich würde das auch niemals tun!” bliebe, sondern wenn sich auf diese Weise Verbündete finden, die sich mit dafür einsetzen, dass sich was ändert. Das tun, wofür den Eltern manchmal die Kraft fehlt, sich mit Öffentlichkeitswirkung empören zum Beispiel. Inklusion und Nixklusion gehen nämlich alle was an.

  3. Maria sagt:

    hm… wie reagiere ich?
    Altes Verhaltensmuster: geht ja gar nicht, diese strukturellen Schwierigkeiten auf die Kinder zu übertragen – neues Verhaltensmuster: prima, ich darf mehr Zeit mit meinem Kind verbringen und werde zu mehr Eigenverantwortung hingeführt. Es zeigt sich ja derzeit mehr als deutlich, dass die Stabilität im “Außen” nur vermeintlich ist. Jeder Einzelne hat die Chance sich zu positionieren.

  4. Juliane sagt:

    Es ist schon verrückt, man stelle sich vor, jeden Tag sollte eine andere Gruppe von Kindern zu Hause bleiben – ein Aufschrei! Aber mit behinderten Kindern kann man’s ja machen. Schulpflicht gilt für sie nicht? Und die Eltern machen mit, weil sie sowieso schon ein schlechtes Gewissen haben, dass sie ihre Kinder jemandem “aufbürden” und so dankbar sind, dass ihre Kinder überhaupt… Deutschland, deine Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskommission!

  5. Moma sagt:

    Präsenzunterricht, ach wie herausragend, unverzichtbar – nur nicht für alle.
    Aussetzen geht ja doch, aber nicht weil man versucht Kinder vor dem Virus zu schützen.
    Prioritäten so wichtig!

    Diese Pandemie zeigt Kindern sehr brutal ihren gesellschaftlichen Platz.

  6. Paula sagt:

    So sieht und fühlt sich Selektion an. Schön dass die Lehrkraft nicht argumentiert hat, Einkaufen sei die lebenspraktische Hausaufgabe, welche ja sinnvollerweise in diesen „Freistunden“ geübt werden kann. ( Achtung Ironie). Frei- und Fehlstunden sind im Moment aber vielerorts die Regel für viele Schüler. Soll aber in keinsterweise eine Entschuldigung sein.

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