Ferienlager

DER JUNGE ist seit Jahren in einem Ferienlager. Auch seine Schwester ist immer dabei. In diesem Jahr sind beide so alt, dass sie ins Betreuer-Team wechseln können. Das ist bei den Kindern, die dem Teilnehmer-Alter entwachsen sind, so vorgesehen.
Die Eltern haben sich natürlich Gedanken gemacht, wie das beim Jungen gelingen kann. Die Ferienlager mit dem ganzen Drumherum – den T-Shirts, einem eigenen Logo und Aktionen auch während des Jahres – sind ihm total wichtig. Die Eltern bekommen vom verantwortlichen Leiter eine Einladung, alles zu besprechen.
Dort berichtet dieser erst einmal, wieviel Rücksicht und Zeit das Team in den vergangenen Jahren aufgebracht hat, um die Teilnahme des Jungen zu ermöglichen. Und bevor die Eltern etwas sagen können, erklärt er: „Dass er ins Betreuer-Team wechselt, macht gar keinen Sinn!“
Die Eltern sind überrascht und geschockt. Mit einer solch klaren Abweisung hatten sie nicht gerechnet.
„Der Junge hatte ja eine schöne Zeit hier“, legt der Leiter nach, „Sie wollen doch sicherlich nicht, dass seine Erinnerung an die Ferienlager nun mit einer unschönen Erfahrung endet.“
Die Eltern wollen jetzt nur noch eins: Das Gespräch beenden.
Doch der Leiter lässt sie noch nicht gehen: „Aber Ihre Tochter hätten wir wirklich gerne im Betreuer-Team. Sie ist so geduldig, so geschickt im Umgang mit den Kleinen, auch wenn es mal schwierig wird. Das wäre schade, wenn sie jetzt aus falsch verstandener Solidarität mit ihrem Bruder auch aufhören würde. Dann müsste sie ja unter der Behinderung ihres Bruders leiden. Das Beste wäre, sie sagen ihr, dass wir das hier so gemeinsam entschieden haben!“

Die Geschichte vorgelesen …

15 Kommentare

  1. Anonymous sagt:

    “Dann müsste sie ja unter der Behinderung ihres Bruders leiden.”
    Nein, hier geht es nicht um die Behinderung, sondern um die Ablehnung ihres Bruders aufgrund seiner Behinderung – aber halt, das wäre ja Diskriminierung!

    • Onkel Karl sagt:

      Ich glaube die Geschwister leiden auch, wenn sie sehen und empfinden müssen, wenn die geschilderte Sprachlosigkeit der Eltern und die geschilderten „Steine“ im häuslichen Bereich sicher in Gespräche, Frustrationen, Tränen der Eltern münden. Wie optimistisch werden die Geschwisterkinder ihre Zukunft als vielleicht sich kümmernder Teil – wenn die Eltern nicht mehr können- ansehen? Und da spricht jemand von Servicementalität. In den Familien läuft so vieles zusammen !

  2. Polarleuchten sagt:

    Ein schnelles Urteil aufgrund weniger Informationen. Welche Beeinträchtigung der Junge hat, wissen wir nicht. Wie der Personalschlüssel ist, wissen wir nicht. Ob die “Ferienlagermenschen” dies ehrenamtlich tun oder bezahlt werden, wissen wir nicht. Wenn ich mir die jungen Menschen in meinem Umfeld anschaue, stelle ich es mir eher anstrengend vor, aufgrund der zahlreichen Sonderwünsche. Wie die Eltern aufgetreten sind, wissen wir nicht.
    Es ist auch nicht grundsätzlich jeder junge Mensch zur Leitung geeignet, egal ob beeinträchtigt oder nicht.
    “Das steht mir einfach zu” finde ich als Haltung genauso unpassend wie Dankbarkeit. Ein wenig mehr Wertschätzung und weniger Servicementalität im Umgang mit anderen Menschen würde unsere Welt sicher sehr verbessern.

    • Anonymous sagt:

      Polarleuchten, Ihrem Kommentar kann ich nur zustimmen.

    • Juliane sagt:

      Das ist wahr, man erhält relativ wenig Infos drumherum. Das ist hier oft so. Andererseits glaube ich, dass Menschen mit behinderten Kindern so oft Steine in den Weg gelegt werden, dass man sie schwerlich mit anderen Eltern vergleichen und ihnen eine Servicementalität unterstellen kann. Und immer wieder wird die Inklusion von Behinderten – wie auch hier im Beispiel – von anderen als etwas hingestellt, wofür die Betroffenen dankbar zu sein haben. Und da sage ich NEIN! Es ist ein MENSCHENRECHT, was ihnen ZUSTEHT! Wieso sollen diese Kinder immer kämpfen müssen für etwas, was ihnen wie allen anderen ohne Wenn und Aber zusteht? Aber sie müssen kämpfen, weil nicht jedes Ferienlager behinderte Kinder aufnimmt. DAS ist das Problem. Und nicht ein Blog, der ggf. ohne alle Seiten zu beleuchten, von Situationen berichtet, die laut UN-Behindertenrechtskonvention gar nicht mehr vorkommen dürften. Das ist nicht neutral. Und trotzdem Realität, denke ich, und nah an der (bitteren) Wahrheit.

      • Noname66 sagt:

        Juliane klug gesprochen! Rechte muss man nicht einfordern oder mit Dankbarkeit erkaufen. Rechte stehen ganz einfach zu.

      • Kristin vom Waldhaus sagt:

        Wenn dann unter der Leitung des JUNGEN etwas geschieht, was einem Kind schadet, dann heißt es ” hätte man das nicht voraussehen können”?
        Eine Verantwortung für eine Kindergruppe übernehmen ist doch kein “Recht”, das ich einfordern kann?
        Dem Jungen geht es doch um das Dabeisein, um T- Shirt und Logo, und nicht um Gruppenleitung.
        Oder wird hier die Gruppenleitung zur Farce erklärt?
        Welches Unternehmen stellt einen Chef ein, der der Aufgabe nicht gewachsen ist, nur, damit derjenige nicht ” diskriminiert” ist?

        • Anonymous sagt:

          Die Rede ist vom Betreuer-Team! Nicht von Gruppenleitung. Nicht von Aufgaben, denen der JUNGE (noch) nicht gewachsen ist. Nicht von Verantwortung, die er übernehmen soll, ohne sie tragen zu können. Aber das kann man eigentlich dem Text entnehmen.

          • Kristin vom Waldhaus sagt:

            Natürlich weiß ich, dass hier von Betreuern die Rede ist, aber letztendlich ist doch klar, dass sie eine hohe Verantwortung haben. Wenn ein Team gebildet wird, schaut man vermutlich auf die entsprechenden Fähigkeiten der Interessenten. Wie schon oben Polarleuchten erwähnt, hat ja auch nicht jeder ohne Handicap die Eignung zum Leiter oder auch Betreuer.
            Sonst wäre die logische Konsequenz, dass jeder Betreuer sein kann der es will, egal, ob mit Eignung oder nicht. Man darf gerne weiterdenken, wie sich das umsetzen lässt.
            Ich vermute, dass der junge Mann selbst relativ viel Hilfe im Alltag benötigt, und dass die Gesamtleitung des Ferienlagers schon viel außergewöhnliches Engagement gezeigt hat.

          • Juliane sagt:

            Noch Antwort auf Kristin, weil es anders hier nicht geht: Ja. Das Team hat an sich sicherlich schon außergewöhnliches Engagement gezeigt. Und LEIDER muss man dafür immer noch dankbar sein, statt es als etwas anzunehmen, was das natürlichste von der Welt sein sollte… genau so viel Engagement zu zeigen für jedes Kind, so viel es eben braucht. EGAL wie behindert/ nicht behindert es eben ist. Noch mal: das Engagement steht dem JUNGEN zu!!! Ohne Applaus! Das muss man sich immer wieder klar machen, auch wenn wir leider in unserer Gesellschaft noch nicht so weit sind und denen noch Anerkennung zollen müssen, die sich über das tiefste Maß hinaus engagieren.

          • Kristin vom Waldhaus sagt:

            Dankbar oder nicht, kann jeder machen wie er will. Gehen die Leute beim Arzt aus dem Sprechzimmer, bedanken sie sich immer. Warum?
            Wenn man mit Erziehern, Lehrern, Pflegern, Sozialarbeitern etc. zu tun hat, kann man auch meistens davon ausgehen, dass sie ihren Beruf gerne ausüben und nicht nur” Dienst nach Vorschrift” machen. Da gehört dann schon mal Extra Engagement dazu. Ja, und dafür bin ich dann schon dankbar, egal , ob mein Kind schwierig, nicht behindert, behindert oder unkompliziert ist.
            Im Text oben habe ich den Eindruck, dass der Leiter einfach nicht mehr will. Natürlich passt es nicht zusammen mit der Forderung, die Tochter zum Mitmachen zu überreden, falls sie nicht will.

    • Anonymous sagt:

      Ich brauche keine einzige Info mehr, um zu dem Schluss zu kommen, wie arschig das Verhalten der Verantwortlichen ist: Ihre Tochter hätten wir gerne. Bitte belügen Sie sie! Sagen Sie ihr nicht, dass wir ihren Bruder nicht wollen. Nehmen Sie unsere Ablehnung auf Ihre Kappe… Geht’s noch???

  3. Juliane sagt:

    Schadeschade. Dass auch noch die Eltern von dem JUNGEN wie Kinder behandelt werden. Wie Kinder die gefälligst dankbar zu sein haben. Und dass die Mühe der Ferienlagermenschen nichts ist, was dem JUNGEN einfach zusteht. Aber das Können der Schwester, das würden sie gerne nutzen! Irgendwie schäbig…

  4. Karin80 sagt:

    Was soll man sagen außer “ So ist sie – die Realität“.

    Wäre der Kompromiss das Mödchen zu den Betreuern und der Junge weiterhin zu den Teilnehmern oder als Azubibetreuer so schwer und weit gewesen? Neue Wege sind dazu da, beschritten zu werden.

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