Post von der Staatsanwaltschaft

Vor einiger Zeit wurde DER JUNGE MANN im Polizeiwagen nach Hause gebracht. Im Bus war er von einem Betrunkenen gewürgt und beleidigt worden. Die Polizei hatte Zeugenaussagen aufgenommen, das Video aus dem Bus gesichert und wegen des Verdachts der Körperverletzung ermittelt. Die Eltern hatten zusätzlich Strafanzeige wegen Beleidigung gestellt.
Wochenlang hatten sie nichts weiter gehört.
Heute nun kommt ein Brief von der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren wegen Körperverletzung sei eingestellt worden: Das Video unscharf, die Zeugenaussagen widersprüchlich.
Die Eltern hatten das schon befürchtet. Der Vater liest weiter vor:
„Auch das Verfahren wegen Beleidigung wird eingestellt. Die Filmaufnahmen haben keine Tonspur und können daher nicht zur Klärung beitragen.“
„Ja“, sagt die Mutter seufzend, „und unser Sohn kann nicht gut genug sprechen, um zur Klärung beizutragen!“
Und der Brief geht noch weiter. Der Vater liest: „Außerdem kann der junge Mann aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen den Sinn von eventuell gefallenen Formulierungen gar nicht erfassen. Daher geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass eine Beleidigung schon deshalb nicht vorliegen kann, weil der junge Mann eine solche nicht als Beleidigung verstehen könnte.“

Die Geschichte vorgelesen …

6 Kommentare

  1. B.ach. sagt:

    Zuerst einmal finde ich es schlimm und niederträchtig, dass ein Mensch im ÖV beschimpft und gewürgt wird. Mir fehlen hier die Menschen, die sich klar auf die Seite des Opfers stellen. Das gilt für die, die den Vorfall miterlebt haben (Zeugen), wie auch für die Profis, die den Fall zu beurteilen haben (Staatsanwaltschaft).
    Ich finde es auch beschämend und offensichtlich unsensibel, wie die Staatsanwaltschaft mit dem “Opfer” der Attacke, einem Menschen mit Behinderung, umgeht.
    Eine ähnliche Erfahrung habe ich den Vorgesetzten des handelnden Staatsanwalts mitgeteilt und damit einiges bewirkt: In die Weiterbildung der Beamten wurden Menschen mit Behinderungen mit einbezogen. – Gerade wegen der fehlenden Inklusion haben viele Menschen gar keine Erfahrung mit behinderten Menschen!

  2. Robert Müller sagt:

    zumindest der letzte Satz ist eindeutig diskriminierend, und man sollte die Staatsanwaltschaft dafür anzeigen!

    “„Außerdem kann der junge Mann aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen den Sinn von eventuell gefallenen Formulierungen gar nicht erfassen. Daher geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass eine Beleidigung schon deshalb nicht vorliegen kann, weil der junge Mann eine solche nicht als Beleidigung verstehen könnte.“

    • Bauchgefühl sagt:

      Ich würde mir wünschen, dass die Rechtsabteilungen der Sozialverbände mit der betroffenen Familie Kontakt aufnehmen. Oder vielleicht findet sich eine Kanzlei, die offen ist für ‘pro bono-Arbeit’. Klar, dass die Staatsanwaltschaft nicht verfolgen wird, da der Beschuldigte alkoholisiert war, ‘unwesentlich’ für die Allgemeinheit usw, usw. Ich bin zwar nur juristischer Laie, aber ein Gesetz sollte schon richtig subsummiert werden! Eine Beschwerde gegen die Staatsanwaltschaft sollte allemal drin sein. Vielleicht liest ja auch das Institut für Menschenrechte Berlin mit. Wieder ein Strich in der Statistik und dem Jahresbericht.

    • Anonymous sagt:

      Ich denke auch: Wer zum Beispiel einen Polizisten beleidigt, muss mit einem satten Bußgeld rechnen, egal, ob der Polizist sich davon persönlich getroffen fühlt oder nicht.

  3. Maria sagt:

    Wie herrlich übergriffig *Ironie*

    Gibt’s bald Mal wieder ein paar hoffnungsvolle Geschichten bei Euch? Gerade in der jetzigen Zeit find ich den Fokus auf Positives so wichtig. Danke ❤️

    • kirsten1 sagt:

      Leider können wir uns positive Geschichten auch nicht selber “backen”… Wenn ihr welche erlebt, schreibt sie uns. Immer wieder veröffentlichen wir auch “LeserInnengeschichten”.

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