Der Pfarrer

DER JUNGE ist erwachsen.
Immer wieder sterben im seinem Umfeld Menschen.
Er hat gelernt, in einfacher Sprache für sie zu beten.
Das ist inzwischen ein Ritual, das er sehr liebt.
Manchmal geht er gemeinsam mit seinem Assistenten in die Kirche zu einem Gottesdienst.
Das ist nicht immer ganz einfach.
Denn er ist sehr spontan:
Er beschwert sich lautstark über „das blöde Aufstehen“.
Wenn jemand die Kirche verlässt, ruft er ihm freundlich „Auf Wiedersehen“ hinterher.
In der vergangenen Woche ist wieder jemand gestorben, den er kannte.
Heute sitzt der Junge im Gottesdienst und wartet ungeduldig auf das Ende.
Sofort nach dem Segen rennt er nach vorne. Sein Assistent rennt hinterher.
„Ich will beten“, bestürmt er den Pfarrer, der gerade in die Sakristei gehen will.
„Gerne“, sagt der Pfarrer. Er hatte den jungen Mann zwar immer schon mal in der Kirche gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.
Der Junge und sein Assistent beten jetzt laut, so wie es der Junge gelernt hat.
Derweil leert sich die Kirche.
Der Pfarrer lässt sich davon nicht beirren, sondern hört aufmerksam zu.
Als der Junge fertig ist, spricht der Pfarrer noch ein abschließendes „Vater Unser“ und sagt:
„Der liebe Gott passt auf alle auf: auf die Toten im Himmel und die Lebenden hier auf der Erde.“
Der Junge nickt und ist sehr zufrieden.
„Auf Wiedersehen“, ruft er freundlich, dreht sich um und rennt aus der Kirche.

Die Geschichte vorgelesen …

5 Kommentare

  1. Anonym sagt:

    Auch mir gefällt die Geschichte gut – es ist schön, auch mal positive Geschichten zu lesen. Ich mag diesen Blog sehr, habe aber leider den Eindruck, dass positive Geschichten weniger Kommentare erhalten. Mißbrauch in der Kirche ist ein Problem, gehört aber nicht in diesen Blog als Kommentar zu dieser Geschichte. Da eigene Erleben der Kirche im Umgang mit Behinderten dagegen natürlich schon – negativ wie positiv.
    Schön, dass sich der Pfarrer so empathisch einfühlen konnte – und vielleicht auch selbst viel gelernt hat über den tiefen Glauben und die Nähe zu Verstorbenen eines Menschen mit "geistiger Behinderung".
    Unser Sohn hat das Down-Syndrom und die Kirchengemeinde, in der ich aufgewachsen bin, getauft, konfirmiert und getraut wurde, hat uns nichts böses getan, aber trotzdem fühle ich mich mit unserem Sohn dort nicht wirklich wohl. Der Pfarrer ist eher ein Kopfmensch und subjektiv habe ich das Gefühl, dass die Gemeinde eher die Beeinträchtigung sieht als den wunderbaren Menschen, den ich niemals anders haben wollte. Wir gehen daher in die Gemeinde in einem anderen Stadtteil – wenn unser Sohn dort während der Kirchenlieder tanzt und strahlt, ruhen lächelnde Blicke auf ihm und erkennen die Bereicherung.
    Die Menschen in meiner Heimatgemeinde meinen es nicht böse, haben aber keinen Zugang zu unseren Sohn. Und mir steht es frei, einen Platz zu wählen, wo ich mich besser aufgehoben fühle.
    Was im Kommentar oben über die Erstkommunion berichtet wird, ist wirklich sehr traurig. Aber ich kenne auch viele sehr positive Beispiele – und vieles dazwischen. So wie eben immer im Leben. Ich finde es wichtig, das wirklich Traurige offen zu benennen, aber auch die vielen positiven Beispiele nicht zu übersehen. Sonst gerät man in eine Spirale, wo man nur noch das schlecht sieht. Ich ärgere mich über manches, aber insgesamt erlebe ich mit unserem Sohn viel mehr positive Begegnungen als negative.

  2. Fan des Illustrators sagt:

    Mir gefällt die nett illustrierte Geschichte sehr gut.
    Sie zeigt so selbstverständlich, wie schön es ist, wenn Menschen sich offen und mit Empathie begegnen.

  3. Anonym sagt:

    Ich bin Mutter eines behinderten Kindes und kann über die Kirche(Katholische Kirche )nichts Gutes berichten… in Zusammenhang mit Behinderungen. Ich habe zwei Kinder.Eins davon ist autistisch!
    Ich bin evangelisch getauft und mein Mann katholisch.Die Kinder wurden katholisch getauft!Wir sind sehr gläubig! Meine Tochter hatte die Erstkommunion mit 11 Jahren. Bei unserem autistischen Sohn weigerte die Kirche die Erstkommunion ,bzw ignorierte sie sie:Da unser autistischer Sohn damals massive Ernährungsproblme hatte,und er sich bei der Erstkommunion geweigert hätte die Oblate in den Mund zu nehmen, hatte die Kirche die Nase gerümpft. Als mein Sohn eine Einladung zum Religionsunterricht bekam und ich die zuständige Mitarbeiterin der Kirche in Kenntnis gesetzt hatte, dass unser Sohn autistisch ist, da hielt sie mich hin. Sie ignorierte mich und mein Kind auch .Sie gab immer wieder an sich bei uns zu melden. Es kam nie etwas! Er wurde immer und immer wieder ignoriert.Es gab seitens des Priesters bei der Kommunion nicht Mal ein Segen.Wurde bei der Kommunion nicht Mal erwähnt!

  4. Anonym sagt:

    Tut mir leid, ich kann keinen Zusammenhang zwischen der wahren Geschichte des Pfarrers im Gottesdienst mit dem Jungen und den aktuell wieder mal angeprangerten Missbrauchsfällen in der Kirche erkennen. Es ist eine schöne und wahre Geschichte im zwischenmenschlichen Miteinander, wie man sich die Gesellschaft nur wünschen kann. Hier handelt es sich wieder mal um eine unbotmäßige Pauschalverurteilung aller Pfarrer, die einer freiheitlich-demokratischen Grundhaltung unwürdig ist. Das zeigt auch der völlig vom Kommentator unreflektierte Fall des Kardinals Pell, bei dem selbst liberale Medien und Prozessbeobachter schreiben, dass der Kardinal keinen fairen Prozess bekommen hat.

  5. Anonym sagt:

    Vielleicht ist die Gleichzeitigkeit Zufall. Auffällig ist, dass es bis am Donnerstag, 28.02.2019 keinen einzigen Kommentar zu dieser Geschichte gibt.
    Genau in diesen Tagen wurde der ehemalige Finanzchef des Vatikans, Kardinal George Pell, wegen sexuellen Übergriffen von einem australischen Gericht verurteilt. Vor wenigen Tagen fand im Vatikan eine Antimissbrauchskonferenz statt. – In diesem Kontext wurde auch ein Bericht aus dem Bistum Augsburg vorgestellt, in dem Übergriffe in einem früheren katholischen Kinderheim dokumentiert sind.
    Im Rahmen des MHG-Forschungsprojektes der deutschen Bischofskonferenz wurden 38.156 Personal- und Handakten der 27 Diözesen aus den Jahren 1946 bis 2014 durchgesehen. Dabei fanden sich bei 1.670 Klerikern der katholischen Kirche Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Das waren 4,4 Prozent aller Kleriker aus den Jahren 1946 bis 2014, von denen Personalakten und weitere Dokumente in den Diözesen durchgesehen wurden. Diese Zahl stellt eine untere Schätzgröße dar; der tatsächliche Wert liegt aufgrund der Erkenntnisse aus der Dunkelfeldforschung höher. (…) Den 1.670 beschuldigten Klerikern konnten nach den Personal- und Handakten insgesamt 3.677 Kinder und Jugendliche als von sexuellem Missbrauch betroffen zugeordnet werden.
    Es ist wohl angezeigt, dass nicht nur der liebe Gott auf die Lebenden hier auf der Erde aufpasst, sondern wir alle.

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