Verstehen

„Sie müssen mich verstehen“, sagt die Sonderpädagogin zur Mutter DES JUNGEN,
„ich habe das studiert, weil ich mich liebevoll ganz in Ruhe mit einem einzelnen Kind beschäftigen wollte.“

„Sie müssen meine Kollegen verstehen“, sagt der Direktor,
„die haben das schließlich nicht gelernt. Und manche haben noch nie einen Behinderten aus der Nähe gesehen.“

„Sie müssen die Amtsärzte verstehen“, sagt die Leiterin des Gesundheitsamtes,
„als ich hier angefangen habe, wurden die Eltern noch einbestellt.“

„Sie müssen uns verstehen“, sagt die Schulrätin,
„so viele Meldungen zur Inklusion können wir mit unseren paar Leutchen kaum noch bearbeiten.“

„Sie müssen den Gutachter verstehen“, sagt der Psychologe,
„früher hat er den Eltern gesagt, was das Beste für ihr behindertes Kind ist und wo es zur Schule gehen muss.“

„Du musst die Sonderpädagogin verstehen“, sagt die Freundin,
„wenn die früher erzählt hat, was sie beruflich macht, dann haben die anderen immer gesagt:  „Wow, das ist sicherlich ein echt harter Job! Also, das könnte ich nicht!“ Und heute sagen die: „Ach, Du arbeitest auch an der Hauptschule.“

Die Mutter geht schnell nach Hause, denn sie hat einiges zu tun:
Sie muss aufräumen, kochen, putzen, den Jungen von der Schule holen, mit ihm Hausaufgaben machen, ihn zum Fußball fahren, abends mit ihm Vokabeln üben, und sie muss so viel verstehen.

Die Geschichte vorgelesen …

5 Kommentare

  1. Anonym sagt:

    Wow. Tolle Zeilen!

  2. chris sagt:

    Klasse Blog!! Jetzt freue ich mich jeden Montag auf eine neue Geschichte :-), die alle schön zu lesen sind wenn sie so humorvoll geschrieben sind, auch wenn das Erleben mancher Situationen nicht immer zum lachen ist.

  3. Anonym sagt:

    Da scheint mir die Mutter die einzige zu sein, die etwas verstanden hat!

  4. Anonym sagt:

    Perfekt! Dem ist nichts hinzuzufügen, das ist leider nach wie vor die traurige Realität.

  5. Anonym sagt:

    Und schon wieder: großes Kompliment zu Eurem Blog!!
    Auch der heutige Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf.

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