Zuerst

DIE MUTTER des Mädchens macht den Garten winterfest.
Dabei hört sie das Gespräch zweier Nachbarinnen mit an.
Die erste sagt: „Na, das mit dem Impfstoff, das wird noch schrecklich!“
„Wie meinst Du das?“, fragt die andere.
„Diese ganzen Diskussionen darum, wer ihn zuerst bekommt. Ich mag mich gar nicht daran erinnern, wie das gerade bei der Grippeimpfung gelaufen ist!“
„Hast Du Deine beiden denn nicht impfen lassen?“, fragt die andere.
„Ich wollte es ja!“
Nun wird die erste Nachbarin laut: „Aber Du glaubst gar nicht, wie ich mit der Sprechstundenhilfe aneinander geraten bin. ‚Wir haben nicht genug Impfdosen‘, hat die gesagt, ‚gegen Grippe geimpft werden zuerst nur die kranken und behinderten Kinder.‘ ‚Na, das ist ja super!‘, habe ich geantwortet, ‚dann sind meine beiden Gymnasiasten weniger wert als die Behinderten??? Sie sind es doch, die Deutschland voranbringen!‘“

Die Geschichte vorgelesen …

11 Kommentare

  1. Almut sagt:

    Liebe Anos, die mich hier kritisieren, ich möchte mich jetzt nochmal äußern – nicht um Recht oder das letzte Wort zu behalten, sondern weil ich es wichtiger finde, dass hier unsere – gerne kontroversen – Meinungen stehen, als dass nur ein Auseinanderpflücken von Empfindlichkeiten (meine eingeschlossen) stattfindet. Denn das Thema hat es in sich, finde ich.
    Zur Geschichte: Die Aussage der Mutter “dann sind meine beiden Gymnasiasten weniger wert als die Behinderten??? Sie sind es doch, die Deutschland voranbringen!‘“ impliziert m. E., dass sie im Umkehrschluss ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Menschen mit Behinderung weniger wert sind als Gymnasiasten. Weitergedacht heißt das, die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung ist vollkommen ok.
    Genau das ist diskriminierend, ich nenne es außerdem menschenverachtend, und bleibe auch bei dieser Formulierung.
    Dabei spielt die aktuelle Situation, der Verteilungskampf um vermeintlich knappe Ressourcen und die daraus folgende Sorge, zu kurz zu kommen, nur insofern eine Rolle, dass sie dazu führt, dass laut ausgesprochen wird, was als Haltung sonst auch da ist.
    Das kann man harmlos finden, im Sinne von “ach, da kocht jetzt bloß was hoch, das gibt sich auch wieder” – wie Anonymous.
    Oder man kann es gefährlich finden – wie ich.
    Gefährlich ist z. B., wenn – wie bereits geschehen – die DIVI (Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) Triage-Empfehlungen herausgibt, in denen die Kriterien für Priorisierungsentscheidungen u.a. die “Erfassung von Komorbiditäten sowie des Allgemeinzustands (einschl. Gebrechlichkeit, z.B. mit der Clinical Frailty Scale)” beinhalten.
    (Das hatte im Übrigen eine Verfassungsbeschwerde zur Folge, mit der Forderung nach einer gesetzlichen Grundlage für Triage-Entscheidungen. Denn es ist, wie die Aktionsplattform Abilitywatch dazu schreibt, keine medizinische, sondern eine gesellschaftliche Frage.)
    So lieb der Spruch vom großherzigen “einander viel verzeihen müssen” auch klingt, für einen Menschen mit Behinderung, für den Diskriminierung im Ernstfall lebensbedrohlich sein kann, ist das nur bitterer Zynismus.

  2. Sabine sagt:

    Ein Verteilungskampf um eine begrenze Sache ( Impfstoff, Finanzen, Personalressourcen, Zeitressourcen) ist nie eine schöne Sache. Deshalb wurde hier ja auch der Ethikrat eingeschaltet. Die Gymnasiasten in der Geschichten können – wie der Gesundheitsminister es auch erläutert hat – den Sinn des Masketragens verstehen, die empfohlenen Regeln verstehen und auch andere, die ihnen zu nahe kommen um Abstand bitten. Dies können Menschen aus der Priorisierungsliste zum Teil nicht. Eine herausgeforderte Menschlichkeit- auch mit Blick auf die nächsten Jahre.

    • Anonymous sagt:

      Abgesehen davon gehören viele der behinderten Menschen zur vulnerablen Gruppe. Das passiert den Gymnasiasten eher nicht. Für sie ist die Impfung schlicht nicht so NOTWENDIG . Dass die Mutter nicht von A nach B denken kann, fasst man schier nicht.

  3. kipa sagt:

    Mütterverhalten?? Es spiegelt doch eher die Ellenbogenmentalität der sog. „Normalos“ wider, die nichts mit den „Behinderten“ zu tun haben oder zu tun haben wollen. – In Zeiten der Pandemie spüren wir die Ausgrenzung stärker als zuvor; einerseits ruft die Spaßgesellschaft: Wir wollen wieder normal leben: Wann wird endlich gelockert?, während wir als Ausgegrenzte unsere Ausgrenzung stoisch ertragen [müssen] und den Verteilungskampf um den begehrten Impfstoff je nach Priorisierung in unserer Isolation erdulden.

  4. Moma sagt:

    Um Brecht zu zitieren: “Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.” Und was macht man dann mit seiner trauring-ohnmächtigen-Wut? Weinen? Schreien? Schweigen?Argumentieren? Mit faulem Fallobst werfen?

    • Anonymous sagt:

      Ich sehe da lediglich typisches Mütterverhalten: “Mein Kind zuerst” mit einer absurden Begründung. Insgesamt irrationales, angstgesteuertes Verhalten (was derzeit leider Hochkonjunktur hat) und weniger rechtes Gedankengut. Wie Jens Spahn sagte: “Wir werden einander viel verzeihen müssen.” Recht hat er.

      • Almut sagt:

        Nein. Das ist diskriminierend und menschenverachtend. Und wer es verharmlost und als typisches Mütterverhalten hinstellt, trägt maßgeblich dazu bei, dass es auch gefährlich wird.

        • Anonymous sagt:

          Ich finde es gefährlich, wenn man Meinungen, die der eigenen widersprechen nicht akzeptieren kann und mit Unterstellungen reagiert. Ich sehe weiterhin kein menschenverachtendes Gedankengut, sondern die egoistische Sorge in der Gesellschaft zu kurz zu kommen. Ellenbogenverhalten wird es oben genannt, aber ich sehe genau diese Ellenbogenmentalität gerade bei Eltern, die nur “das Beste für ihr Kind” wollen. “Sabine” hat es gut auf den Punkt gebracht, es geht hier um Verteilungskämpfe.

          • kipa sagt:

            Handelt es sich um eine „egoistische Sorge“, wenn man in der Gesellschaft und in der realen Welt zu kurz kommt; oder anders: Welche Gründe gibt es, dass unsoziale Verteilungskämpfe überhaupt einen Nährboden finden? In einer solidarischen Gesellschaft, so es sie gibt, sind Verteilungskämpfe eigentlich unnötig.

          • Almut sagt:

            Wir beide haben unterschiedliche Meinungen geäußert und einander widersprochen.
            Warum das exakt gleiche Verhalten bei Ihnen ok ist, bei mir aber “gefährlich”, ich “Meinungen, die der eigenen widersprechen, nicht akzeptieren kann” und “mit Unterstellungen reagiere”, muss ich nicht verstehen, oder?
            Schönen Tag noch.

          • Anonymous sagt:

            @Almut
            Also so frei von Unterstellung ist Ihr erster Kommentar nicht, wie Sie meinen.

            Ein anderer Anonymous schreibt das, der das gleich so empfunden hat beim ersten Lesen Ihres ersten Kommentars.

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