Ein langer Weg (Teil 2)

Mit Hilfe der Nachbarin schafft es die Mutter, dass DER JUNGE zwei Wochen an der Grundschule hospitieren darf.
Er ist sehr glücklich dort. Jeden Tag setzt er sich sofort an seine Hausaufgaben. „Und das, obwohl er ja gar keine Hausarbeiten kannte!“, erzählt die Mutter der Nachbarin.
Doch dann die Nachricht: Er sei „nicht geeignet für die Grundschule“, er brauche weiter die Förderung an der Sonderschule.
Der Junge wird ganz krank, als er das hört. „Muss ich da wieder hin?“, fragt er die Nachbarin.
„Das wollen wir doch mal sehen“, antwortet diese kämpferisch.
Sie verlangt beim Schulamt die Herausgabe des Gutachtens. Vergeblich. Allerdings wird die Hospitation als „Schulpraktikum“ verlängert.
Immer wieder fragt die Mutter bei der Grundschullehrerin nach, wie sich der Junge so macht. Am Anfang hält sich diese sehr bedeckt. Doch dann sagt sie: „Seine Leistungen liegen im oberen Drittel der Klasse.“
Trotzdem ist vom Schulamt jetzt immer häufiger das Wort „Inklusion“ in einer Gruppe an einer anderen Schule zu hören.
„Quatsch“, sagt die Nachbarin und ermutigt die Mutter, weiter auf der Aufhebung des Förderbedarfs zu bestehen.
Und dann ist es endlich da: Das Schreiben, in dem das Schulamt dem Jungen „eine erfolgreiche Zeit an der Grundschule“ wünscht.
Die Mutter stößt mit der Nachbarin und einem Glas Sekt an.
„Das war ein langer Weg“, seufzt sie.

Zeichnung wie in der Vorwoche.
Die Geschichte vorgelesen …

12 Kommentare

  1. Anonym sagt:

    Vielleicht ist das genau das Problem, dass es nur die Wahl zwischen einer Förderschule und einer häufig ungeeigneten Regelschule gibt.
    Mein Vorschlag: Eine komplette Reform unseres Schulsystems mit kleinen Klassen und als erstes die Abschaffung von Gymnasien. 10 Jahre gemeinsames Lernen wie in faktisch allen anderen europäischen Ländern auch. Ausreichend Schulsozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Aber das wird alles nicht passieren, weil es viel Geld kostet und Eltern sich auf Spielplätzen oder Internetforen sich lieber gegenseitig bekriegen als gemeinsam für Verbesserungen zu kämpfen.

    In meinem Bundesland herrscht absoluter Lehrermangel, d.h. auch Quereinsteiger haben gute Chancen. Eigentlich eine gute Möglichkeit für die ganzen Kritikerinnen hier sich einmal zu beweisen und es besser zu machen.
    Ich arbeite mit Azubis mit Lernschwierigkeiten und eine "Lernbehinderung" ist in unserer digitalisierten Bildungswelt absolut keine "Lappalie". Wir unterrichten im Fach Mathematik übrigens seit einigen Jahren nach Leistungsvermögen. Wie die Schüler das finden? Es gibt in Mathe mittlerweile faktisch keine "Schwänzer" mehr. Alle erscheinen zum Unterricht, vorher hat etwa die Hälfte gefehlt.

  2. Anonym sagt:

    Warum schreiben Sie (Großbuchstaben)? Das finde ich wenig wertschätzend. Ein System kann keine Schwierigkeiten haben und die Entscheidungsträger haben auch kein Problem, weil sie Schülern den aus ihrer Sicht adäquaten Schulplatz zuweisen. Ich hingegen habe große Schwierigkeiten mit dem deutschen Schulsystem, weil ich eine Trennung nach der vierten Klasse und dann eine Aufgliederung in verschiedene Leistungsniveaus unsinnig finde. Dieses System wird hier immer stillschweigend als unveränderbar hingenommen. Welche Eltern würden denn ihr Kind statt auf das Gymnasium auf die Mittelschule schicken, damit die anderen Kinder dort von seinen Leistungen profitieren können? Inklusion wird es erst geben können, wenn wir dieses separatistische System auflösen.

  3. Anonym sagt:

    Konequenzen? Null Niente. Der Fall "Nenad" in Köln ist der erste und einzige seiner Art, wo das Land NRW eine hohe Schadensersatzsumme zahlen musste wegen 11 Jahren falsch in der G-Schule. Aber auch dort: Konsequenzen für die Lehrer: Null. Oder weiß jemand mehr?

  4. Anonym sagt:

    Die Mutter hatte Glück mit der pensionierte Nachbarin. Wäre die Nachbarin nicht pensioniert, so hätte sie nur von außen das ganze dirigieren können. Lehrer haben gegenüber der Schulbehörde eine Schweigepflicht. Das hätte die Lehrerin sonst den Job gekostet.
    Hätte die Mutter alleine kämpfen müssen, so hätte sie nicht nur zig schlaflose Nächte gehabt sondern vielleicht noch einen Anwalt einschalten müssen.Einen Anwalt können sich nur wenige leisten oder sie verschulden sich.
    Ähnlich erging es mir mit meinem Kind als es Schwierigkeiten hatte sich in einer Sonderschulen zu integrieren. Als mei Anwalt vergebens versuchte über die Schulleitung ein Schulkonzept der Schule und den sonderpädagogischen Gutachten meines Kindes zu erhalten da schalteten wir die Schulbehörde ein. Der zuständige Mitarbeiter der Schulbehörde versuchte die Missstände zu vertuschen. Er blickte und riet mir von oben herab ich solle mir als Mutter ein Hobby suchen,(das Weite suchen).
    In Hamburg arbeiten in der Ombudsstellen inklusive Bildung ehemalige Schulleiter. Die Ombudsstelle Inklusive Bildung bietet Hilfe und Unterstützung bei Fragen zur sonderpädagogischen Förderung. Die Ombudspersonen verstehen sich als Berater und Vermittler zum Wohl der Kinder.
    Darüber hinaus beraten und vermitteln die Ombudspersonen in Konfliktfällen und bei Widerspruchsverfahren.
    Die Beratung ist kostenlos, neutral, unabhängig und vertraulich und ein Element im Konzept „Inklusive Bildung an Hamburger Schulen“ , das die Bürgerschaft im Juni 2012 beschlossen hat.
    Ein grosses Dank an diese ehemalige Schulleiter, und an die pensionierte Lehrerin oben in der Geschichte, die sich ünermüdet für Eltern und Kinder einsetzen. Deutschland braucht mehr solche Menschen die sozusagen Ahnung von der Materie haben. Viele Eltern, die Probleme in der Integration ihrer Kinder, sei es in Sonderschulen oder Regelschulen haben, schaffen im Alleingang kaum etwas. Viele Eltern wissen nicht mal dass sie Rechte haben. Die meisten geben schnell auf. Es kommen Jahre der Qual auf sie und die Kinder zu.

  5. Anonym sagt:

    Mir ist schon aufgefallen, dass Schüler, die Sprachhilfe brauchen, oft rasch in Sonderschulen überwiesen werden. Man sollte jedoch immer sehr genau drauf schauen, welchen Abschluss ein Kind wohl schaffen können wird, ungeachtet der aktuellen sprachlichen Probleme. Ein Kind zum Beispiel, das in Mathematik recht fit ist, aber in Deutsch nur verzögert mitkommt, hat doch deshalb nicht unbedingt eine gravierende Lernschwierigkeit. Sonderschule bedeutet in diesem Fall, dass es nicht oder nur mit erhöhtem Aufwand einen Schulabschluss machen kann. Und dann?

  6. Anonym sagt:

    Antwort an Anonym 16:27 mit der Aussage "Aber Schüler/innen mit Lernschwierigkeiten ist nicht geholfen, wenn sie einfach in eine Klasse mit 30 Köpfen und einer überforderten Lehrkraft gesetzt werden."
    Was schlagen Sie persönlich in der jetzigen Situation den vor? Hätte der Junge lieber eine Förderschule besuchen sollen und das nur weil wir überforderte Lehrer haben?
    Sehr oft hört man dass Kinder mit Lernschwierigkeiten den Unterricht stören und die Klassenkollegen in ihrer schulischen Entwicklung hemmen.
    Was viele nicht wissen ist, dass Inklusion auch Schüler mit Hochbegabung betrifft. Denn auch diese Schüler halten den Unterricht auf mit ihren zig Fragen wo die meisten Schüler nichts von dem verstehen.
    Ist überhaupt eine Schule jeweils bereit für Inklusion?
    Ich bin Mutter eines Kindes mit erhöhtem Förderbedarf dass sowohl eine Sonderschulen als auch eine Regelschule besucht hatte und habe die Erfahrung gemacht dass Inklusion funktionieren kann wenn die Pädagogen es wollen.
    Hätte man in Deutschland ein Schulsystem wo die Einserschüler von den Dreierschüler getrennt werden und das in jedem Fach dann würde man auch zu genüge Lehrer finden die am Jammern wären. Es gäbe ein ständiges abschieben der Kinder von einer Klasse in die andere… ein richtiges Chaos. Aber solange es die Möglichkeit gibt Schüler in Förderschule abzuschieben solange wird es auch Gejammere der Pädagogen geben.
    In Hamburg hatte man die Förderschulen Schwerpunkt Lernen zusammen mit den Gesamtschulen, Realschüler und Hauptschule getan in einer einzigen Schulform namens Stadtteilschulen. Die Schüler können sich gar nicht mehr vorstellen getrennt unterrichtet zu werden! Sind alle über die Situation glücklich!

  7. Anonym sagt:

    Bin Mutter eines autistischen Kindes und muss bei dieser Geschichte schmunzeln.
    Diese Geschichte zeigt genau die Problematik die wir in Deutschland haben. Kinder werden nach LUST UND LAUNE DER Pädagogen in Förderschulen abgeschoben. Viele Kinder werden per MUNDPROPAGANDA in Sonderschulen abgeschoben ohne ein sonderpädagogisches Gutachten.
    In der Sonderschule meines Kindes hatte kein einziges Kind ein sonderpädagogisches Gutachten dass die Aufnahme bzw Abschieben der Kinder in solchen Schulformen rechtfertigte.
    Ich persönlich kenne ein einziges Kind dass bei seiner Aufnahme in einer Sonderschule ein Gutachten (17 Seiten) durchgeführt wurde. Habe sehr oft in Foren Eltern danach gefragt. Die meisten Eltern wissen nicht mal was das ist. Sie wissen nicht mal dass ihnen solch ein Gutachten zusteht(ähnlich wie die Mutter oben in der Geschichte). Manche hatten lediglich ein unvollständiges Gutachten erhalten, (sprich drei Zeilen).
    Es ist eine Unverschämtheit wie das in Deutschland läuft!
    Wenn man manche Eltern danach fragt warum ihr Kind in einer Sonderschule abgeschoben wurde, dann kommt meistens die Antwort':die Lehrer haben gesagt dass mein Kind Lernschwierigkeiten auf einer Regelschule hätte!
    Man müsse sich vorstellen dass Patienten in Krankenhäuser ohne Untersuchungen aufgenommen werden und beim Verlassen des Krankenhausaufenthaltes ebenfalls kein Bericht, bzw Gutachten erhalten dürfen. So ergeht es leider vielen Kinder in Förderschule. Die meisten erhalten nach dem Abschluss einer Sonderschule auch kein Gutachten.
    Viele Eltern behinderter Kinder kommen beim Arbeitsamt ins Schwitzen wenn der Sachbearbeiter auf ein Gutachten besteht. Meistens stehen die Eltern da mit einem grossen Fragezeichen auf dem Kopf und kommen ins stottern: Was? Ein sonderpädagogisches Gutachten? Was ist das!? Nie davon gehört!
    Es ist einfach nur traurig!

  8. Anonym sagt:

    Bei mir hat diese Geschichte viele Fragen aufgeworfen.
    Ich frage mich, was wäre geworden,
    wenn die Nachbarin sich nicht eingemischt hätte …?
    wenn sich die Mutter hätte einschüchtern lassen …?

    Dann frage ich mich, wie kommt eigentlich so ein falsches sonderpädagogisches Gutachten zustande?
    Wie ist das überhaupt möglich, das so ein Kind als lernbehindert eingestuft wird?
    Und welche Konsequenzen hat es (für die Gutachter, Sonderschule), wenn so etwas nachweislich falsch ist?

  9. Anonym sagt:

    DER JUNGE HAT KEINE LERNSCHWIERIGKEITEN! Unser Schulsystem hat Schwierigkeiten mit Kindern wie dem Jungen.

  10. Anonym sagt:

    Genau. Aber Schüler*innen mit Lernschwierigkeiten ist nicht geholfen, wenn sie einfach in eine Klasse mit 30 Köpfen und einer überforderten Lehrkraft gesetzt werden. Inklusion darf nicht als Sparprogramm verkauft werden, nach dem Motto, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

  11. Anonym sagt:

    Bravo an den jungen, die Mutter und die Nachbarin!
    Wir brauchen dringend ECHTE Inklusion, um so einen Mist strukturell unmöglich zu machen!

  12. Anonym sagt:

    Gott sei Dank ist das mal gut ausgegangen. Aber dass man um etwas so Selbstverständliches immer noch und immer wieder so kämpfen muss, macht mich auch wütend. Trotzdem oder gerade deshalb: nicht aufgeben!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.