Zu behindert

DER JUNGE soll eingeschult werden.
Wegen seiner komplexen Behinderung wird er sonderpädagogisch überprüft.
Die Gutachterin kommt zweimal in den Kindergarten.
Anschließend setzt sie sich mit den Eltern zusammen und eröffnet ihr Gutachten:
„Ich konnte nicht wirklich testen, was Ihr Sohn kann“, sagt sie, „einmal hat er nicht besonders gut mitgemacht. Und viele der Tests passten nicht für ein Kind mit seinen Behinderungen. Manchmal habe ich ihn auch nicht gut verstanden und er mich vielleicht auch nicht.“
„Hm…“, sagt der Vater.
„Und deshalb muss ich sagen“, fährt die Gutachterin fort, „dass Ihr Kind einfach zu behindert ist, um hier im Test ein seriöses Ergebnis zu bekommen.“
„Und was heißt das jetzt?“, fragt die Mutter.
„Ich würde vorschlagen, ihn erst einmal als ‚geistig behindert‘ einstufen zu lassen. Dann gibt es eigentlich gar keine Anforderungen an ihn, und am meisten sonderpädagogische Stunden gibt es auch!“
Die Eltern schauen sich an. „Das sehen wir anders“, sagt der Vater, „wenn Sie ihn nicht testen können, dann gehen wir doch erst einmal davon aus, dass er in der Grundschule dem ganz normalen Lehrplan folgen kann. Bis das Gegenteil bewiesen ist.“
Die Gutachterin sagt lange nichts. Dann antwortet sie: „Ja, so kann man das natürlich auch sehen…“
An dieses Gespräch erinnern sich die Eltern übrigens, als ihr Sohn vier Jahre später seinen ersten Tag ins Gymnasium rollt.


Die Geschichte vorgelesen …

11 Kommentare

  1. Anonym sagt:

    Mein Sohn geht in die sechste Klasse Gymnasium, wird jetzt in die Siebte versetzt. Förderbedarf ESE

    Warum er nicht in einer Gesamtschule ist? – Ganz einfach weil er einen Schultag an einer Ganztagsschule nicht ausgehalten, durchgehalten hatte und dieses Gymnasium die einzige Schule mit Oberstufe hier ist die keinen Nachmittagsunterricht in der Unterstufe gibt.

    Leider. Auf eine Gesamtschule mit Halbtagsunterricht hätte ich ihn gerne geschickt.

    Auch bei ihm gab es Stimmen, die ihn liebend gerne in eine ganz andere Schublade gesteckt hätten… Zu dumm, dass er sich selbst das Lesen schon in der Kita beigebracht hat und deshalb die Schiene "er ist bestimmt geistig überfordert" nicht passen könnte… Seine erste Klassenlehrerin hätte ihn denke ich sonst gerne so eingestuft.

  2. Anonym sagt:

    Wir haben nicht so viel Auswahl bei uns, weil es schlicht nur 2 Schulen gibt. Eine vor ein paar Jahren aus dem nichts gestampfte Gesamtschule und das Gymnsium. Das Gebäude in das die Gesamtschule mal kommmen soll ist bisher ein großes Gelände mit Bauzaun, bis dahin muß die ehemalige Hauptschule herhalten, die jetzt schon aus allen Nähten platzt (3 Jahrgänge). die 8. Klassen werden daher ab nächstem Schuljahr in die im Abbau befindliche Realschule ausgelagert. Klassengröße liegt bei 32-35, wenn Kinder mit Sonderpädagogischer Förderung in einer Klasse sind sollen es höchstens 28 sein. (ob es wirklich eine Klasse mit 28 Kindern gibt hat man mir aber irgendwie nicht gesagt, es wurde nur etwas herumgedruckst). Das Gymnasium hat eine Klassengröße von 23-25 Kindern, genügend Platz, teilweise sehr moderne Fachräume (die alten werden so nach und nach umgebaut, es gibt aber in jedem Fachbereich mindestens einen "neuen" Raum) und täglich frisches Mittagessen, nicht vom Caterer. Ich finde Gesamtschulen grundsätzlich ein gutes Konzept, aber gerade in diesem Fall schicke ich mein Kind nicht dahin nur um ein Statement zu setzen wenn ich schon die Wahl habe.

  3. Anonym sagt:

    Nur was machen wir an einer mit Inklusion beschäftigten Gesamtschule mit den geistigen Überfliegern, die aber bitte etwas Ruhe brauchen und keine körperlichen Berührungen von Fremden aushalten. 8 Stunden am Tag mit Micky-Mäusen auf den Ohren an einen Einzeltisch an den Rand setzen und ein paar Kopien hinlegen? Sie ab und zu Nachhilfelehrer spielen lassen und sich dann wundern, dass sie keine Freude/Freunde in der Schule finden? Keine Chance für Diskussionen im Unterricht/den Pausen, bei denen jedem Durchschnittslehrer die Ohren schlackern? Welcher Lehrer kann gleichzeitig Heisenberg erklären und Basale Fähigkeiten einfühlsam wiederholen?
    Ich habe vor 30 Jahren einen E-Rolli-Fahrer am Gymnasium erlebt. Kein Probleme, außer dem fehlenden Aufzug.

  4. Anonym sagt:

    Trotzdem ist unser dreigliedriges Schulsystem ein höchst exklusives System und wir nehmen es einfach hin. Es ist eben so. Eine Haltung, die wir kritisieren, wenn wir für Menschen mit Behinderung Inklusion einfordern. Inklusion bedeutet für mich mehr als ein Kind mit Behinderung irgendwie in eine so genannte "Regelschule" zu setzen. Grundsätzliches Problem ist doch die Struktur und weniger das Verhalten einzelner Akteure.

  5. Anonym sagt:

    Sonderpädagogen sollten meiner Meinung nach nicht die Erlaubnis haben IQ Tests durchzuführen!
    Hier besteht einfach ein Interessenskonflikt.
    Das führt leider dazu, daß man sich an dem System bedient.
    Man verteilt möglichst vielen Sonderpädagogischen Förderbedarf,
    damit man möglichst viel sonderpädagogische Stunden bekommt.

    Ich habe auch schon davon gehört, dass in Berufsschulen
    schwachen Hauptschülern und Förderschülern sonderpädagogischer Förderbedarf GE (von Sonderpädagogen) bescheinigt wurde.
    Damit wurde dann der Weg frei gemacht für die Werkstatt!
    Die Werkstatt profitiert davon, weil sie relativ fitte Mitarbeiter bekommt, die ja nicht wirklich geistig behindert sind!

  6. Anonym sagt:

    Noch schlimmer ist es wenn manche Sonderpädagogen sich mit Ärzte in Verbindung setzen und die Meinung vertreten Ahnung von der Materie zu haben.
    Bei manchen Kinder in der Sonderschule meines Kindes haben sie sogar die Diagnose der Ärzte angezweifelt.
    Man muss als Eltern schon glücklich sein wenn Pädagogen Fortbildungen besuchen.
    Sehr oft werden Kinder mit erhöhtem Förderbedarf in Regelschulen nicht aufgenommen weil die Schulen keine qualifizierte Sonderpädagogen haben.

  7. Christina sagt:

    Es kommt mir vor als lese ich unsere Geschichte… Unglaublich… Diese Einstufung wer behindert genug ist und wer nicht… Schlimm.. Das hat so sehr an unserer Kraft gezerrt. Man hat uns zum Teil gerade raus belogen… Ich finde das noch immer alles unfassbar.
    Ich wünsche allen Eltern, allen Betroffenen einfach ganz viel Kraft.

  8. Anonym sagt:

    Was wäre, wenn….

    ….der Vater nicht so deutlich geworden wäre?

    ….die Gutachterin auf ihrer ersten Meinung beharrt hätte?

    ….was hätte dann im Bereich Entwicklung stattgefunden?

  9. Anonym sagt:

    Sie wissen schon, dass es nicht in jeden Bundesland bzw. in jeder Stadt oder Gemeinde "Gesamtschulen" gibt, oder? Das haben die konservativen Kultusminister im Süden der Republik mit Erfolg seit Jahrzehnten verhindert. Den Eltern ist daraus ja nun wirklich kein Vorwurf zu machen.

  10. Anonym sagt:

    auf den ersten Blick eine schöne Geschichte. Auf den zweiten Blick: Auch diese Eltern verhalten sich ganz selbstverständlich exklusiv. Der Sohn rollt in ein Gymnasium, nicht in eine Gesamtschule. In Deutschland werden bereits 10jährige in 3 Leistungsniveaus separiert. Das gibt es in kaum einem europäischen Land. Nixklusion hoch 5.

  11. Anonym sagt:

    Ich werde im Leben nicht verstehen, warum Sonderpädagogen sich erdreisten den Status "geistige Behinderung / Entwicklung" zu vergeben.

    Sie sind KEINE Ärzte.
    Sie sind fachlich oft NICHT in der Lage entsprechende Testungen vorzunehmen.

    Aber sie meinen, entscheiden zu können was ein/e SchülerIn lernen kann oder nicht.

    Sie sollten hier klar an Ärzte verweisen.

    Und falls wer meint, dass ErzieherInnen (aufgrund der Kindergartenzeit/-entwicklung) in der Lage seien *ausgefeilte* Förderplanempfehlungen oder Schulempfehlungen zu geben, so zeigt meine langjährige Erfahrung, dass sie dazu nicht ausgebildet sind.

    Hier werden Kompetenzen in Hände von Menschen gelegt, denen genau diese oft vollständig abgehen.

    LG Anita
    (https://twitter.com/AnitaWorks9698)

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