Döner

DER JUNGE fährt ganz allein zur Schule.
Wochenlang hatten die Eltern das mit ihm geübt.
Alles klappt gut.
Doch seit ein paar Tagen fällt der Mutter auf, dass der Junge bei seiner Rückkehr immer nach Knoblauch riecht.
„Hast du was gegessen?“, fragt sie. Der Junge antwortet nicht.
Die Mutter beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Am nächsten Tag fährt sie mittags zur Schule.
Aus einiger Entfernung beobachtet sie, wie der Junge fröhlich zur Bushaltestelle hüpft. Und an ihr vorbei, geradewegs zu einer Döner-Bude. Er beginnt ein Gespräch mit dem Besitzer. Die beiden sehen miteinander vertraut aus. Dann hat der Junge plötzlich ein Dönersandwich in der Hand und geht futternd zur Bushaltestelle zurück.
Die Mutter geht zur Bude und sagt: „Nun weiß ich, wo mein Sohn immer isst. Aber er hat doch gar kein Geld dabei, oder?“
„Nein, Geld hat er nicht, aber dafür viel Hunger“, antwortet der Besitzer lachend. „Deshalb bekommt er seinen Döner auch umsonst.“
„Das ist mir unangenehm“, entgegnet die Mutter, „ich zahle Ihnen das natürlich, und in Zukunft wird er Geld dabei haben, wenn er einen Döner will. Ich möchte nicht, dass es zu Problemen kommt, wenn mein Sohn alleine unterwegs ist!“
„Probleme?“, der Besitzer lacht wieder. Dann wird er ernst: „Ich habe gern geholfen. Ihr Sohn hat keine Probleme gemacht. Er hatte nur kein Geld dabei.“

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18

DER JUNGE wird 18.
Viele seiner Freunde und Menschen, die ihn kennen, gratulieren ihm.
Der Junge ist jetzt bald mit der Schule fertig. Von Anfang an wurde er inklusiv beschult.
Nicht immer war das leicht.
„Ich habe viel gelernt in der Zeit, in der du bei uns warst“, schreibt einer seiner früheren Lehrer.
Und ein anderer reimt sogar:
„Du bist ein Held in dieser so verrückten Welt.“
Der Junge freut sich.
Helden findet er cool!
Ja, denkt die Mutter, das stimmt mit dem Helden.
Aber ein bisschen weniger Held hätte er auch sein können.
Wenn man ihn gelassen hätte.
So, wie er ist.

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Rücksicht

Die Mutter DES JUNGEN geht zum Einkaufen. Vor der Bäckerei stehen zwei Mütter, die sie vom Sehen her kennt und unterhalten sich.
„In die Klasse meines Sohnes kommt jetzt auch einer im Rollstuhl“, sagt die eine, „so einer, der immer zuckt, nicht deutlich spricht, dafür aber jede Menge sabbert…“
„Ach, je“, sagt die andere, „und den konnte das Gymnasium nicht ablehnen?“
„Ne“, sagt die erste, „weil der doch klug ist, angeblich.“
Die Mutter des Jungen rollt mit den Augen und geht schnell rein, um ein Brot zu kaufen.
Als sie wieder rauskommt, stehen die beiden immer noch da.
„…und immer Rücksicht nehmen: Bei jedem Ausflug, bei den Planungen für die Klassenreisen! Da ist doch der Streit schon vorprogrammiert!“, sagt die eine gerade.
„Und weißt du, was ich am Schlimmsten finde“, ergänzt die andere, „dass unseren Kindern damit die Leichtigkeit der Schulzeit genommen wird!“

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Home

Die Mutter DES MÄDCHENS trifft eine andere Mutter.
„Und wie läuft es in der Schule?“, fragt diese.
„Meine Tochter ist noch immer zu Hause, im Home-Schooling. Sie hat für Corona ja ein deutlich erhöhtes Risiko, und das wollen wir nicht eingehen.“
„Ach je“, sagt die andere Mutter, „ so lange schon zu Hause! Das ist sicher sehr schwer für sie…“
„Na ja“, die Mutter des Mädchens kommt ins Erzählen, „so pauschal würde ich das nicht sagen: Sie genießt auch vieles: Dass sich oft selbst einteilen kann, wann sie welche Aufgabe macht. Dass sie viel mehr tippt als mit der Hand zu schreiben, was ihr doch so schwerfällt. Und dass eine „Stillarbeit“ in der Stunde auch wirklich eine stille Arbeit ist, weil sie die Hintergrundgeräusche wegschalten kann. Und auch die Kamera mal ausmachen kann und sich nicht immer so beobachtet fühlt. Neulich hat sie eine Präsentation online gehalten: Ihr Plakat konnte sie digital gestalten und musste nicht alles mühsam ausschneiden und dann auf eine große Pappe kleben. Wie viele Tränen hat es da früher immer gegeben, wenn alles krumm und schief war und am Ende nicht passte…“
„Darüber habe ich noch nie nachgedacht…“, erwidert die andere Mutter.
„Natürlich freue ich mich, wenn sie die anderen mal wieder richtig treffen kann, nicht nur am Bildschirm“, ergänzt die Mutter, „aber: Alles so wie früher möchte ich nicht zurück! Und meine Tochter auch nicht.“

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