Die Kundin

DER JUNGE arbeitet in einem Supermarkt. Er ist sehr stolz darauf, dass er diesen Job bekommen hat. In einem Praktikum konnte er überzeugen und durfte bleiben.
Meistens räumt er die Regale ein. Manchmal hilft er auch hinten im Lager. Er hat viele Lieblings-Kollegen. Und viele Lieblings-Kunden. Das sind für ihn alle, die ihm freundlich zulächeln oder ihn grüßen.
Zu ihnen gehört auch die Kundin, die heute wieder im Geschäft ist.
Vergeblich hält sie nach dem jungen Mann Ausschau.
Als sie den Marktleiter sieht, spricht sie ihn an: „Sagen Sie, wo ist denn dieser nette junge Mann?“
„Wen genau meinen Sie?“, fragt der Chef.
„Na, der – der so ein bisschen anders ist“, antwortet die Dame vorsichtig. „Wissen Sie, eigentlich kaufe ich immer woanders ein. Dieser Supermarkt hier ist viel zu weit weg für mich. Aber seit ich zum ersten Mal den jungen Mann hier gesehen habe, komme ich immer wieder. Eigentlich komme ich wegen ihm. Ich freue mich jedes Mal so, wenn ich ihn sehe. Ich hoffe, er ist nicht krank oder so?
„Nein“, beruhigt sie der Marktleiter, „der arbeitet heute hinten im Lager. Aber wissen Sie…“
Und dann zwinkert er der Dame zu,
„ich glaube, der hat jetzt gleich da vorne an den Tiefkühltruhen ganz viel zu tun!“

Die Geschichte vorgelesen …

Rot gelb grün

DER JUNGE tut sich schwer in der Schule. Oder die Schule tut sich schwer mit dem Jungen.
Er ist motorisch massiv eingeschränkt und hört kaum etwas.
Immer wieder erhält die Mutter die Rückmeldung aus der Schule, dass er irgendetwas gemacht hat, was nicht erwünscht ist.
Die Sonderpädagogin malt jeden Tag in einer Liste einen Punkt: Manchmal ist dieser Punkt rot, fast immer gelb, selten grün.
Unter dem gelben Punkt steht dann zum Beispiel: Der Junge hat heute den ganzen Tag an seinem Ranzen rumgefummelt.
Na ja, denkt die Mutter, den hätte ja auch mal jemand wegstellen können.
Jeden Tag soll sie die Spalte unterschreiben. Sie tut das nie.
Immer wieder steht dort: Der Junge hat gegen die Schulregeln verstoßen. Neuerdings auch, dass er sich die Maske vom Gesicht reißt.
„Warum tut er das?“, fragt die Mutter in einem der vielen Gespräche über das „Verhalten“ des Jungen.
„Warum ist hier nicht die Frage!“, antwortet die Sonderpädagogin.
Auch diese Woche wieder dicke rote Punkte und der Satz: „Bitte besprechen Sie die Schulregeln noch einmal zu Hause!“
Heute dann, kurz vor einem weiteren Gespräch, ein grüner Punkt mit der Bemerkung: „Der Junge hat heute sehr gut mitgemacht!“
„Das war das erste Mal, dass bei einem grünen Punkt ein Kommentar stand“, stellt die Mutter beim Gespräch erfreut fest.
„Ja“, sagt die Lehrerin, „normalerweise schreiben war da auch nichts. Denn das ist doch klar: Grün heißt: Er hat alle Regeln befolgt und musste nicht ermahnt werden!“

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Auf dem Wochenmarkt

DER JUNGE und die Mutter sind auf dem Wochenmarkt unterwegs.
Seit kurzem herrscht auch dort Maskenpflicht.
Schon von weitem sehen sie eine befreundete Lehrerin.
Ohne Maske.
Schnell kommt diese auf die beiden zu und ruft schon von weitem:
„Nein, ich muss keine Maske tragen!“
„Und warum nicht?“, fragt die Mutter.
„Also“, erklärt die Lehrerin, „sofort als klar war, dass ich jetzt auch im Unterricht eine Maske tragen muss, bin ich zu meinem Arzt. Ich halte das nicht aus – den ganzen Vormittag mit der Maske! Unzumutbar! Und damit auch noch sprechen! Da ersticke ich ja irgendwann!“
Die Mutter zuckt mit den Achseln. Schnell verabschiedet sie sich und geht sie mit dem Jungen weiter.
Als sie ein Stück weg sind, stupst der Junge sie an.
Der Junge, der die Maske den ganzen Schulvormittag trägt. Er hat immer mehrere frische Ersatzmasken dabei.
Der Junge, der die Maske auch im Schulgebäude und auf dem Weg in die Turnhalle trägt.
Der Junge, der die Maske auch beim Kinderarzt klaglos trägt.
Und natürlich morgens im Bus.
„Mama“, sagt er, „ich verstehe das nicht.“
„Nein“, seufzt die Mutter, „ich verstehe das auch nicht. Das ist auch schwer zu verstehen!“

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Falsche Vorstellungen

Wie geht es nach der Sekundarstufe 1 für DEN JUNGEN weiter?
Wenn er nicht an die Sonderschule zurück will, gibt es kaum Möglichkeiten.
Die Mutter erkundigt sich im Schulamt.
Sie könne ja mal bei einer berufsvorbereitenden Klasse nachfragen, rät man ihr.
Vielleicht wäre eine Berufsschule bereit, den Jungen dort aufzunehmen. Ausnahmsweise.
Die Mutter hängt sich ans Telefon.
„Von den Schülern da hat aber keiner einen Schulabschluss“, sagt der Rektor zu ihr.
„Ja, ich weiß“, antwortet die Mutter, „mein Sohn auch nicht.“
„Ich bin ein bisschen überrascht, dass Sie Ihren Sohn dort haben wollen. Normalerweise kommen die nicht freiwillig zu uns, sondern weil sie noch Schulpflicht haben. Sie wissen schon, was das für eine Klasse ist, oder?“, fragt der Rektor.
„Was meinen Sie genau?“, hakt die Mutter nach.
„Na ja, nicht, dass Sie falsche Vorstellungen haben: Viele Schüler kommen nur selten, und wenn sie da sind, stören sie oder beleidigen unsere Lehrer. Gewalt, sexuelle Übergriffe, Mobbing – das sind bei uns tägliche Themen. Also, bevor wir uns überhaupt mit dem Stoff beschäftigen…“
„Hm…“, sagt die Mutter nachdenklich.
„Alle unserer Schüler haben einen Sack voller Probleme. Welches Problem hat denn Ihr Sohn?“
„Na ja, nicht, dass Sie falsche Vorstellungen haben“, antwortet die Mutter, „ein Problem in Ihrem Sinne hat er nicht. Er ist behindert.“

Ein Nixklusionsmännchen, das telefoniert.

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